Blogreihe „Phantastische Realität“

Heute beginnt unsere dreiwöchige Blogreihe zum Thema „Phantastische Realität“. Das scheint zuerst ein Widerspruch zu sein. Geht bei Phantastik nicht um fremdartige Wesen, erfundene Länder und zukünftige Technologien? In diesen exotischen Geschichten kann man in einer fremden Welt versinken und fernab des Alltags etwas anderes erleben.

Viele Autoren bringen reale Problematiken hinein, nicht nur unbewusst durch Erziehung und kulturelle Prägung. Sie wählen absichtlich Konflikte eines modernen Zeitalters aus, die mit einer fremdartigen Welt vermischt werden. Politische Konflikte, fremdenfeindliche Strömungen, soziale Experimente, radikale Lösungen für aktuelle Probleme oder ethische Fragen finden in diesen oftmals erfundenen Ländern einen unorthodoxen Ausgang.

Dennoch würden einige Autoren diesen Bezug auf moderne Problematiken nicht als zentrales Thema nennen, wenn man sich mit ihnen über ihr Projekt unterhält. Unsere Geschichten sind nicht nur Vehikel, um eine Botschaft oder Weltanschauung zu transportieren. Kaum einer würde sich als „politischer Phantastikautor“ bezeichnen. Doch wenn wir außerhalb unserer Autorengemeinschaft ebenso detailliert über unsere Projekte erzählen würden, wären es vielleicht genau diese Dinge, die unserem Zuhörer in Erinnerung bleiben? Dann würde unser Gesprächspartner vielleicht erzählen: „Ich bin ins Gespräch mit einer Autorin gekommen, die politische Fantasy schreibt“, ohne dass wir unser Genre so bezeichnet hätten. Für viele Autoren ist es eine Selbstverständlichkeit geworden, durch die Figuren (aktuelle) Problematiken aufzugreifen.

Auch wir erheben jeden Tag unsere Stimme gegen Rassismus, Diskriminierung, Willkür Mobbing – die Aufzählung ließe sich noch lang fortsetzen.

Deswegen habe ich andere Autoren eingeladen, zu erzählen, was sie am meisten bewegt, welche Themen ihnen am Herzen liegen und wo sich in phantastischen Werken handfeste reale Problematiken verbergen. Jeden Tag erscheint ein neuer Blogartikel.

20. Februar

Janna Ruth: „Fantasy – aber bitte mit echten Charakteren.“
Was unterscheidet eine reale Figur von einem klassischen Helden? Wie wird die Charakterbildung einer Figur geplant? Und wie passt der Begriff „Labor“ dort hinein?
„Natürlich sind die fantastischen Welten ausgedacht und natürlich gibt es in unserer Realität keine Magie und auch keine Elfen, Zwerge oder Dämonen. Aber die Geschichten dahinter, die Figuren da drin – die sind genauso echt, wie du und ich.“

21. Februar

Leif Otten: „Lichte Orks und schattierte Elfen“
Makellose Helden sind überholt, meint unser Autorenfreund Leif. Es ist an der Zeit, schwarz und weiß zu vermischen.

„‚Helden‘ in der Wirklichkeit existieren oft nur in den Köpfen derer, die nicht daran interessiert sind, diese Wirklichkeit auch zu verstehen oder sich selbst gern in einer glänzenden Rüstung sehen. „

22. Februar

Atir Kerroum: „Paenitemini et credite Evangelio! Wie das Imperium Romanum zur Dystopie wurde“
Wir verbinden das Wort Dystopie mit einer hoch technologisierten Zukunft und grausamen Staatsdoktrinen. Glänzende Tower, phantastische Flugkörper und ein medizinischer Standard, von dem wir nur träumen können.

Aber haben die Menschen zu früheren Zeiten vielleicht auch eine Art Dystopie erlebt? Bietet das ausgehende römische Reich alle Merkmale, die einen guten Endzeit-Thriller ausmachen? Wer findet die meisten Parallelen zu dystopischen Romanen, die sich historische Ereignisse zum Vorbild genommen haben?

23. Februar

Christian Rieß: „Ab wann ist ein Held ein wahrer Held?“
Was ist heldenhaftes Verhalten? Ist es wirklich gut, einen Helden in der Nachbarschaft zu haben? Brauchen wir Helden noch?

„Sie sind allgegenwärtig: Helden. Aber was sind Helden eigentlich? Haben wir in unserer heutigen Zeit noch Verwendung für sie? Denn wie wir wissen, endet in der echten Welt die Geschichte nicht mit dem Tod des Monsters. Gewalt erzeugt immer Gegengewalt.“

24. Februar

Alessandra Reß: „Requiem für den Relativismus“
Unsere politische Philosophin Alessandra, Autorin von Dystopien und Herrin der Fußnoten, beschäftigt sich mit der Frage, wie weit man sich andere Geisteshaltungen hinein versetzen sollte. Wenn man seine Werte grundsätzlich als besser empfindet, beschneidet man die Rechte des Individuums. Doch wann kommt der Punkt, an dem eine relativistische Lebenseinstellung nicht mehr haltbar ist?

„Die Welt ist im Wandel.
Diesen Satz habe ich in den letzten 16 Jahren so oft gehört, dass der Wandel als Norm erschien. Die prophezeiten Bedrohungen dieses Wandels waren phasenweise präsent, aber auch diffuse Normalität. Die Welt mochte sich verändern, aber wir taten es mit ihr und die Hoffnung auf eine andere erschien naiv oder unangemessen“

 

25. Februar

Meara Finnegan: „Military Fantasy und die Entglorifzierung des Krieges“

Darf eine Generation, die niemals einen Krieg erlebt hat, darüber schreiben? Warum möchte man – abseites des epischen kampfes von Gut und Böse – das Militär überhaupt als Schauplatz einer Geschichte wählen?
„Auch außerhalb des Militärs ist wird dieser Mechanismus der Entmenschlichung genutzt: in allen Teilen der Gesellschaft, in denen Feindbilder benutzt werden.“

 

26. Februar

Jule Reichert: „Blutgeld und Revolution – Gedanken um Fantasy und Konsum“
Bei Konsum und dessen negativen Begleiterscheinungen auf die Umwelt und Gesellschaft denkt man zuerst an moderne Zeiten. Doch auch früheren Gesellschaften ist das Phänomen bekannt. Da erscheint es nur folgerichtig, das auch in die Phantastik zu übertragen.

„In der Realität stehlen große Konzerne Menschen ihr Wasser und füllen es in Flaschen, um es gewinnbringend bei uns in Europa zu verkaufen. Aber wer hilft diesen Menschen? Wer sind die Helden, die in der Realität etwas bewirken können? Hier gibt es keine Katniss, die in die Rolle der Befreierein gedrängt wird.“

27. Februar

Claudia Mayer: „Jugendliche im Generationenkonflikt – insbesondere in Dystopien“
Claudia beschäftigt sich mit dem klassischen Generationenkonflikt und wie er in bestimmten Situationen eine unverzichtbarer Katalysator für einen Umbruch ist.
Und wir stellen fest: je jünger man ist, desto eher überlebt man eine Apokalypse. 😉

„Postapokalyptische Settings haben meistens gemeinsam, dass die bisherigen Gesellschaftsregeln radikal über den Haufen geworfen werden, egal ob wegen einer Zombieapokalypse, Krieg oder einem Virus, das die Weltbevölkerung dahinrafft. In diesem Setting haben Jugendliche sogar einen Vorteil. Sie können sich schneller darauf einstellen, das zu tun, was notwendig ist, zu überleben. Sie sind außerdem im Regelfall körperlich fitter und dementsprechend weniger anfällig dafür, Krankheiten oder Verletzungen sofort zum Opfer zu fallen.“

 

28. Februar

Guddy Hoffmann-Schönborn: „Rassismus – der stille Antagonist“
Guddy beschäftigt sich mit Rassismus in der Fantasy. Wie äußert er sich, und warum wird die Erbfeindschaft zwischen den Völkern so gerne verwendet?

„Das europäische Mittelalter mit seinen weißen Figuren ist Standard. Der weiße Mensch ist Standard. Ist Rassismus Thema, dann meist gegenüber Schwarzen, Asiaten – den Anderen. Dabei ist jeder dort „der Andere“. Für uns als Leser, denn es handelt sich um fiktive Völker.“

 

01. März

Manya Siber: „Queer times, quer folks, queer books“
Wieso werden queere Themen in der (Fantasy-)Literatur grundsätzlich problematisiert? Manya schaut sich drei Romane und ihre Entstehungszeit an und erzählt, warum Lynn Flewellings „Nightrunner“-Reihe für sie das beste Beispiel ist, wie man das Potential queerer Figuren nutzen kann

Als Teenager – oder auch heute noch als jemand, der im Kontext unserer Gesellschaft als „erwachsen“ gilt – hätte ich es ganz gern, wenn mit nicht permanent erzählt wird, wie schwierig mein Leben doch sein wird und wie sehr es sich um diesen einen einzigen Aspekt meiner Person drehen wird.

 

02. März

Charlotte Oscar alias „Das Gaiety Girl“: „Dare Not Speak Its Name – Queere Identität im historischen Roman“
Auch Charlotte beschäftigt sich mit der Problematik LGTB: sie nennt einige Beispiele für queere Figuren, die man nicht immer als queer wahr nimmt, weil die Schriftsteller früherer Zeiten sehr vorsichtig sein mussten, wie sie beispielsweise Homosexualität einbauen. Das ist jedoch kein Grund, warum heutige Autoren die Figuren in historischen Romanen nicht ihre Identität ausleben lassen, oder nur, wenn das ein zentrales Problem der Geschichte ist.

LGBTQ-Figuren waren immer ein Teil von Unterhaltungsliteratur, auch wenn das ungeschulte moderne Auge die Codewörter und Hinweise nicht ohne Weiteres verstehen mag. Und genau wie es schon immer LGBTQ-Figuren in der Fiktion gab, gab es Menschen, die wir heute der LGBTQ-Community zuordnen würden, ebenfalls schon immer. Nur weil etwas ungesagt bleiben muss, aus gesellschaftlichen Gründen, weil das Aussprechen das eigene Leben in Gefahr bringen kann, bedeutet das nicht, dass es nicht da ist. Nur weil jemand niemals offen zu seiner Sexualität stehen konnte, löscht das diese Sexualität nicht aus.

 

03. März

Murphy Malone: „Team Why not Both?! – Liebesbeziehungen und Polyamorie in der Phantastik“
Was genau ist Polyamorie? Gerade in der romantischen Phantastik ist es üblich, dass zwei Love Interests gibt. Wieso zwingt der Autor seine Figur immer, sich zu entscheiden? Muss wahre Liee exklusiv sein?

Allerdings sehe ich leider viel zu selten, dass Fantasy-Bücher sich mit diesen diversen Arten der Liebe beschäftigen oder sie überhaupt in Erwägung ziehen. Keiner würde lesen wollen, wie Bella nach hundertfünfzig Jahren einfach keine Lust mehr auf ihren Glitzer-Edward hat, man hält lieber an der Illusion fest, eine einzige große Liebe zu finden.

 

04. März

Janna Ruth: „Umweltschutz: Erhabene Naturvölker, sprechende Bäume und der Konflikt mit der Zivilisation“.
In den USA gab Ende des vergangenen Jahrhunderts eine Reihe Bücher, die manchmal als „Social Fantasy“ bezeichnet werden, da sie sich mit Umweltproblematiken beschäftigen. Janna Ruth zeigt, dass es sich um keine neue Strömung handelt. Schon Tolkien war die Kritik an Umweltzerstörung in seinen phantastischen Werken ein Anliegen.

Die Zivilisation ist der Fortschritt des Menschen, unsere Lebensgrundlage. Aber die Zivilisation ist auch immer im Konflikt mit der Natur. Umweltschutz ist eine wichtige Sache, aber wir können sie nicht zu 100% schützen, ohne uns selbst die Lebensgrundlage zu nehmen.

 

05. März

Laura Kier: Masken in Fiction und Realität“
Zu den Grundregeln der Zivilisation zählen bestimmte soziale Gepflogenheiten. Manche Menschen mögen solche vorhersehbaren Gespräche nicht, weil sie sie als oberflächlich empfinden. Laura beschäftigt sich mit Tradition und Selbstschutz, Dystopie und der Etikette des 19. Jahrhunderts.

Doch Erklärungen kosten Kraft. Ab und an zudem Mut oder Überwindung. Einfacher ist es, eine Maske aufzusetzen:
„Wie geht es dir?“ – „Gut.“
Schublade auf. Schublade zu. – Täglich leben wir damit. Weshalb?

 

06. März

Elea Brandt: „Depressive Drachentöter“
Die meisten phantastischen Helden schaffen Übermenschliches und gehen relativ unbeschadet aus ihren Erlebnissen hervor. Auf der anderen Seite sind die meisten Gegenspieler aus dem psychischen Gleichgewicht geraten. Ein Held, der seine seelischen Blessuren davon trägt, wird von vielen Lesern abgelehnt. Aber wie kommen psychische Krankheiten zustande und wie könnte man sie am besten in die Charakterplanung einer Figur einbauen?

Es erscheint naheliegend, dass sich manche Leser lieber mit einer starken, ehrgeizigen und leidensfähigen Katniss identifizieren wollen, als mit einer, die an die Grenzen des Menschenmöglichen gelangt ist. Bedauerlich ist es dennoch, dass die realistische Darstellung psychischer Leidenszustände in diesem Kontext als unangenehme Charakterschwäche wahrgenommen wird.

 

07. März

Sascha Raubal: „Verschwimmende Grenzen“.
Sascha nimmt sich gleich mehrere Beispiele aus unterschiedlichen Subgenres zur Brust und schaut sich an, welche tatsächlichen Ereignisse oder reale Gefahren bei Terry Pratchett, Stephen King, Wolfgang Hohlbein, Markus Heitz oder Tim LaHaye zur Sprache kommen.

Wir Fantasy-Autoren schweben zwar gerne mal in höheren Sphären, doch wir leben trotzdem in derselben Realität wie Sie auch, mit denselben Gefahren. Und diese werden momentan beinahe täglich größer.

 

08. März

Meara Finnegan: „Das kenne ich doch irgendwo her! – Historische Ereignisse in Fantasyromanen“
Historische Romane und Phantastik werden teilweise als gegensätzliche Genres gesehen. Als Autor und Leser sieht Meara jedoch viele Gemeinsamkeiten. Wie könnte es anders sein, wenn phantastische Autoren so viele Bezüge zu geschichtlichen Ereignissen einbauen?

Jede Einführung von Fernwaffen war in der Geschichte mit einem großen psychologischen Effekt verbunden und veränderte die Kriegsführung. Der erste Weltkrieg bot eine Fülle neuer Technologie, und nicht zuletzt mit dem Giftgas konte man bequem aus großer Entfernungen seine Feinde vernichten. Die hohe Sterberate in den Schützengräben, hervorgerufen von einem unsichtbaren Feind, hat Tolkien ebenso wie jeden anderen Überlebenden tief geprägt.

 

09. März

Eva-Maria Obermann: „Geschlechterrollen in Fantasyliteratur“
Eva-Maria hinterfragt das Axiom der Literaturwissenschaft: jede Geschichte wurde schon erzählt, Autoren können nichts Neues mehr erfinden.
Trifft das wirklich zu? Gibt es nicht vielleicht doch bestimmte Erzählmuster, die man aufbrechen kann? Und wieso existieren diese klassischen Aufgabenbereiche bei phantastischen Figuren?

Wir sind mit dem Code aufgewachsen, dass Männer stark sind und Frauen schwach, dass kämpfende Frauen nicht mütterlich sind und damit nur halbe Frauen. Geschlechterrollen gehören zu unseren Alltag. Aber auch mit der Idee, dass Männer nicht schwach sein können.
Während männliche Protagonisten zum Krieger werden, mit Schwert und Faust kämpfen, ist es bei den weiblichen zum großen Teil eine magische Fähigkeit, allenfalls noch Fernkampfwaffen, die sie auszeichnen.

 

10. März

Atir Kerroum: „Sauron im Kreml – Fantasy in politischen Konflikten“
Die Phantastik enthält viele Elemente aus unserer Realität, wie wir in den letzten Tagen gesehen haben. Auch Wertvorstellungen, die eher im Hintergrund eine Rolle spielen, lassen sich ebenso in unserer Geschichte wieder finden. Atir Kerroum führt diesen Gedanken noch weiter: die Art und Weise, in der politische Zusammenhänge nach außen kommuniziert werden, greift auf Archetypen des Erzählens phantastischer Geschichten zurück.

Der Kirchenvater Augustinus führt alles Gute auf Gott zurück und alles Böse auf heidnische Dämonen. Nicht an ihren Taten soll man sie erkennen, sondern an ihrem Glauben. Das Böse wird zur Fraktion, der man sich anschließt oder entgegen treten muss. Augustinus‘ Motiv begegnet uns in Star Wars wieder: Wer sich von der dunklen Seite der Macht verführen lässt, der ist verloren.

 

11. März

Katherina Ushachov: „Ist das noch eine Dystopie? Wenn die Wirklichkeit die Fiktion einzuholen droht“.

Katherina erzählt, welche politischen Ereignisse sie 2008 zu der Idee für ihre Dystopie brachten. Und wie der Fortschritt bzw. Rückschritt der Welt sie seitdem in ein Wechselbad der Gefühle geworfen hat.

Was genau ist zwischen 2008 und 2016 passiert? Den Grund für meine Dystopie lieferte die Neonazi-Szene in den ehemaligen Ostblockstaaten und die Politik der Era Bush. Und dann schien es, als würde sich alles ändern. Es gab Wahlen in der Ukraine, es gab Wahlen in den USA. Ich arbeitete zwar weiter an meinem Roman, aber irgendwie war alles weit weg.
Mein Roman war eine Metapher. Nichts, was mir jemals wirklich passieren könnte. Oder irgendwem überhaupt.

Und dann kam die AfD. Kam Trump. Die Radikalisierung der Mitte. Und irgendwann die Angst, dass ich eines Tages in meinem eigenen Buch aufwachen könnte.

 

12. März und finaler Artikel:

Faian Dombrowski „Unterhaltung ohne Leben – Verloren im Labyrinth ewig wiederkehrender Topoi -„

Fabian geht der Rechtfertigung von Phantastik auf den Grund. Was zählt man zur Hohen Literatur, und sind die Gründe dafür gerechtfertigt? Welche Perspektiven hat die Phantastik? Gibt es wirklich noch Raum für Originalität?

Manchmal jedoch – und in letzter Zeit stetig mehr – scheint mir, dass wir ein sehr kleines Set von Geschichten höchstens in neuen Gewändern neu erzählen: Die Rachestory, die Schatzsuche, die Mordermittlung, die weltbewegende Romanze, der prophezeite Heiland, die Origin-Story eines jeden Superhelden. Sie laufen alle nach verdammt ähnlichen Mustern ab. Die wenige Abwechslung ermüdet.

Und plötzlich kommt da dieses Buch. Eigentlich würde man es ohne Aufhebens in eine diese Kategorien einordnen – doch etwas unterscheidet dieses Werk von den anderen. Die zu einer Geschichte angeordneten Bausteine sind keine Bausteine mehr, sie sind zu etwas organischem geworden, es greift ineinander, fühlt sich irgendwie authentischer an, sozusagen … real. Was hat sich geändert?
Sie sind nicht einfach nur Topoi mehr.

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[Gastartikel] Atir Kerroum, „Sauron im Kreml – Fantasy in politischen Konflikten“

Im Rahmen unserer Blogreihe „Phantastische Realität“ hat mein Autorenkollege Atir Kerroum sich einige Gedanken um Politik und Phantastik gemacht. Nicht nur, dass phantastische Werke oft stark von politisch-moralischen Vorstellungen unserer Welt bestimmt ist: Atir sieht in der Art und Weise, wie politische Handlungen nach außen gerechtfertigt werden, große Ähnlichkeiten zu den Archetypen, mit denen Geschichten erzählt werden.

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Der dominierende Plot in der Popkultur ist der Kampf zwischen Gut und Böse.
Protagonist gegen Antagonist, Recht gegen Unrecht, Vernunft gegen Wahnsinn, Licht gegen Dunkelheit.
Die alten Sagen, Mythen und Epen erzählen von Menschen und Göttern. Es wird geliebt, gehasst, getötet und verraten. Aber dem Bösen begegnen wir erst in christlichen Heiligenlegenden. Christlich ist auch der Topos des sich selbst opfernden Helden. Indem dieser die Bombe manuell auslöst, tritt er in die Fußstapfen Jesu, der sich für unsere Sünden ans Kreuz nageln ließ.
Solche gesellschaftlichen „Werte“ zu propagieren bleibt nicht folgenlos. Der Kirchenvater Augustinus führt alles Gute auf Gott zurück und alles Böse auf heidnische Dämonen. Nicht an ihren Taten soll man sie erkennen, sondern an ihrem Glauben. Das Böse wird zur Fraktion, der man sich anschließt oder entgegen treten muss. Augustinus‘ Motiv begegnet uns in Star Wars wieder: Wer sich von der dunklen Seite der Macht verführen lässt, der ist verloren.
Die Legende vom Kampf gegen das Böse besticht durch ihre Einfachheit. Der Antagonist und sein Tun erklären sich allein aus seiner Gesinnung. Das Böse füllt jedes Plot Hole. Das Böse auszurotten ist ein moralischer Imperativ.
Über ein Jahrtausend führte die katholische Kirche einen Kreuzzug gegen das Böse. Alle anderen Religionen in Europa wurden ausgelöscht. Nur die Juden verweigerten die Taufe, was ihnen die Rolle finsterer Dauerbösewichte eintrug. Aber auch der Felsen Petri blieb nicht ewig die Zentrale des Guten. Die Reformation drehte den Spieß um und erklärte das Papsttum zum Antichristentum. Protestanten und Reformatoren reinigten Nordeuropa von der katholischen Kirche. Kollateralschäden nahm man in Kauf. „Gott wird die Seinen schon erkennen.“ Der Kampf gegen das Böse lohnte: Die reformierten Fürsten sanierten sich mit dem Vermögen der Kirche.

Auf die Glaubensspaltung folgte das Barock und die Legenden hatten Pause. Im Zeitalter der Vernunft regierte Realpolitik. Absolutistische Monarchen stritten in Kabinettskriegen um Macht und Prestige. Der Krieg war anerkanntes Mittel der Politik. Erwiesen sich die Ziele auf dem Schlachtfeld als nicht durchsetzbar, traf man sich am Verhandlungstisch. Noch der Wiener Kongress tanzte nicht zu moralischen Weisen und begrüßte den Kriegsverlierer Frankreich wieder im Konzert der Großmächte. Auf Tagesordnung stand die politische, nicht die moralische Ordnung Europas.

Das 20. Jahrhundert sah die Rückkehr des Bösen. Im Zeitalter der Millionenheere waren Kriege nur führbar, wenn ganze Völker mobilisiert wurden. Dazu brauchte es den moralischen Führungsanspruch. Dass auf Plünderer das Standgericht wartete, unterstrich diesen moralischen Führungsanspruch und ließ die Beute den Eliten übrig. Alleine für den Kampf gegen das Böse eilten die Menschen zu den Fahnen. Der aufgeputschte Volkszorn entfaltete seine eigene Dynamik. Wer könnte es ethisch verantworten, dem Bösen die Hand zum Frieden zu reichen? Der Krieg ernährt den Krieg auch ideell. Bis das Geld ausgeht. 1917 standen die Alliierten in Washington auf der Matte und erklärten, dass sie pleite seien, den Krieg nicht fortsetzen und ohne deutsche Reparationen ihre Schulden nicht begleichen könnten. Ungeschickterweise hatten die USA den Krieg finanziert und Milliarden von Dollar auf die Alliierten gesetzt. Nachdem sich Woodrow Wilson mit dem Slogan „He Kept Us Out Of The War“ die Wiederwahl gesichert hatte, begann der Bailout. Eine Werbekampagne („Make the world safe for democracy“) überzeugte die Amerikaner davon, dass böse „Hunnen“ auf der anderen Seite des Atlantiks die Menschenrechte und die Demokratie bedrohten. Rechtschaffene Amerikaner griffen zur Selbsthilfe und warfen den deutschstämmigen Nachbarn die Fenster ein, bevor sie sich zu den Waffen meldeten. Das Böse wurde mit heiligem Zorn bezwungen. Die Sieger machten in Versailles Kasse, die Investoren bekamen ihr Geld und Wilson den Friedensnobelpreis. Nur „safe for democracy“ war die Welt nicht. Auch das Kriegsverbrechertribunal musste ausfallen, weil sich der Kaiser in die Niederlande abgesetzt hatte.

In unseren Tagen haben derart grobe Methoden ausgedient. Zwar unterscheiden wir noch immer zwischen guten und bösen Staaten, doch ein Volk als böse zu dämonisieren, weil es einen Kaiser, einen Diktator oder einfach nur Ölquellen besitzt, erfüllt den Tatbestand gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und ist offen rassistisch. Also kehren wir zu Augustinus zurück. Das Böse ist keine ethnische Eigenschaft, sondern eine politische Gesinnung. Jeder trifft seine individuelle Wahl. Was zu der paradoxen Situation führt, dass wir Menschen in fremden Ländern bombardieren, aber klatschend am Bahnhof stehen, wenn sie als Flüchtlinge zu uns kommen. Zwiedenken nennt Orwell die Fähigkeit, sich zwei sich gegenseitig ausschließende Überzeugungen zu eigen zu machen. Verbindende Klammer ist der moralische Führungsanspruch.
Sich einem moralischen Imperativ zu widersetzen, ist feige und niederträchtig. Der Kampf gegen das Böse erschlägt jedes Argument. Und so dichten Spindoktoren Angriffskriege, Raubzüge, Wirtschaftssanktionen und Hungerblockaden in Legenden vom Kampf zwischen Gut und Böse um. Das offensichtlich Absurde überzeugt uns, weil es 08/15-Plotmuster und Archetypen der Popkultur übernimmt. Man erklärt uns die reale Welt so, wie wir sie aus Büchern, Filmen und Computerspielen kennen. Die Flaws und Logikbrüche in der politischen Phantastik fallen uns nicht auf, weil sie denen der Popkultur gleichen. PR-Profis versorgen uns mit dämonischen Antagonisten, denen Experten die Motive und Psychogramme von Filmschurken attestieren. Wir glauben, gegen das Böse zu kämpfen, während uns ein Zerrbild aus Charaktersterotypen und Versatzstücken aus Schreibratgebern vorgesetzt wird. Das Wording induziert die dunkle Bedrohung: „Regime“, „Machthaber“, „Autokrat“, „Diktator“. Im Kampf gegen das Böse offerieren uns die Medien Lösungsstrategien aus grellen Comic-Welten. Wir wissen schließlich: Wenn Batman den Joker ausknockt, ist Gotham wieder sicher. „Stoppt Putin jetzt!“, titelt der Spiegel, als sollte Iron Man im Kreml aufräumen. Der Superschurke muss aufgehalten werden, weil ihm alles zuzutrauen ist. Nur seine Atomwaffen einzusetzen, wird ihm nicht zugetraut. Zwiedenken nennt Orwell die Fähigkeit, sich zwei sich gegenseitig ausschließende Überzeugungen zu eigen zu machen.
Da die Lösungen nicht zum Problem passen, versagen sie so wie 1917. Die katholische Kirche konnte das Böse auch nicht ausrotten. Falls es ihr je darum gegangen sein sollte. Der Kampf gegen das Böse ist Propaganda im Meinungskrieg. Dagegen zeigt ein George R. R. Martin, dass es im Spiel der Throne keine moralinabhängigen weißen Ritter gibt und keinen Lord der Finsternis. Aber so lange uns Autoren mit eindimensionalen Vorlagen versorgen, werden die Meinungsvereinfacher sie dankbar übernehmen. Sie tun ihren Job. Sie präsentieren uns die Welt so, wie wir sie erwarten.
Es gibt viel zu tun.

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Das kenne ich doch irgendwo her! – Historische Ereignisse in Fantasyromanen

Phantastische und historische Erzählungen haben von jeher starke Gemeinsamkeiten. Beide versuchen dem Leser eine Welt nahe zu bringen, die es so niemals gegeben hat. Das mag seltsam klingen aus dem Mund einer Bloggerin, die in den letzten Monaten vorwiegend über historische Zusammenhänge geschrieben hat. Doch bei aller Liebe zum Detail, die genaueste Recherche kann nicht abbilden „wie es damals gewesen ist“. Man kann allenfalls eine (sehr) große Annäherung erreichen – wenn es eine ausnehmend gute Quellenlage gibt. Aber in vielen Fällen muss man sich für das wahrscheinlichste Szenario entscheiden, und sobald es z.B. um die Motivationen historischer Persönlichkeiten geht, gibt es immer mehrere Stimmen – welche (Sekundär-)Quelle hat nun recht? Was war beabsichtigt, was war das für ein Mensch, wie ist es denn nun gewesen? Jeder, der sich mit Quellenkritik beschäftigt, kennt diese Problematik.
Man könnte aufgrund derselben Quellen mindestens zwei verschiedene Szenarien konstruieren. (Gibt es Plotbunnys auch für Blogartikel? Das könnte ich ja mal machen! Da bieten sich einige Personen aus der Stuartdynastie doch geradezu an…)
Ich bin immer verwundert, wenn Leser historischer Romane die Phantastik kategorisch ausschließen, und umgekehrt. Beide Genre versuchen, eine fremdartige Kultur in allen Facetten zu konstruieren und dem Leser nahe zu bringen. Und Fantasywerke lassen oft geschichtliche Sachverhalte durchschimmern – manchmal als Schauplatz, andere Male sind nur bestimmte Traditionen oder einzelne Aspekte verwendet.
Andere Werke nehmen sich historische Ereignisse bewusst zum Vorbild und lassen sie in einem phantastischen Zusammenhang mit anderer Besetzung erneut aufleben.

Die irdische Welt als Setting
Jennifer Roberson konzentriert sich in ihrer „Schwerttänzer“-Serie auf die Charakterentwicklung ihrer Figuren. Weiterlesen

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Military Fantasy und die Entglorifizierung des Krieges

Dieser Artikel ist Teil unserer Blog-Reihe „Phantastische Realität“.

Kriegerische Fantasy – eine Männerdomäne?

Militärische Phantastik gilt als Männerdomäne – vor allem bei Menschen, die dieses Genre nicht lesen oder mit Phantastik nichts am Hut haben. Da geht es doch nur um Gewalt und Gemetzel, das ist nichts für Frauen! Ebenso wie bei Cornwells Saxon Chronicles liest man in Rezensionen oder Reaktionen, dass „wir Frauen“ mit solcher Literatur nichts anfangen könne. Männerliteratur eben. Nachdem Fantasy die fürchterlichen Cover mit den fast nackten Frauen überstanden hat, sollte man doch meinen, das Subgenre nicht mehr so stark gegendert sind.
Der militärischen Phantastik vorgeschritten ist die Sword and Sorcery, die in den 70ern und 80ern auch von Frauen erobert wurde. Die meisten kennen sicherlich die Anthologien von Marion Zimmer Bradley im Fischer Verlag mit diesen kitschigen „(…)-Schwester“-Titeln.(Im englischen Original heißt es nur „Sword and Sorceres I“ usw). Frauen waren als Autoren und Leser auf dem Vormarsch, wobei sich die die meisten (wie auch Marion Zimmer Bradley) von dem Begriff „feministische Fantay“ innerhalb dieses Subgenres streng distanzierten.
Wenn man jedoch mit politisch aktiven Leuten oder älteren Menschen spricht, wird das Lesen und Schreiben dieser Subgenres unabhängig des Geschlechtes in Frage gestellt.

 

Verherrlichung oder Entglorifizierung?

Viele dieser Subgenres legen großen Wert auf Realismus oder orientieren sich gleich an historischen Ereignissen. Chris‘ Evans „Elfen wie Stahl“-Reihe soll viele Anspielungen auf das napoleonische Militär bieten (laut einer Rezension, die ich mal auf Amazon gelesen habe). Da mein Wissen über diese Zeit eher durchschnittlich und über die militärische Ausrüstung und Uniformcodes ungefähr gleich Null ist, konnte ich diese Aussage bisher nie verifizieren. Wenn ich jemals einem Experten für das napoleonische Heer begegne, muss ich meine Exemplare von Evans‘ verleihen. Dafür nehme ich auch in Kauf, falls ich sie zum zweiten Mal nachkaufen muss.
Gerade dieser Realismus rückt die Genres jedoch schnell in die Metzel-Ecke. Weil man sich nicht mit geschönten Darstellungen begnügt, wie man sie zumeist in Nationalgalerien antrifft, wird schnell vorgeworfen, die Genres würden Gewalt verherrlichen, weil sie die dreckigen Details nicht weglassen.
Da kommt die Frage auf: darf man das? Darf eine Generation, die keinen Krieg mit erlebt hat, überhaupt derart über den Krieg schreiben?
Vielleicht geht es nicht nur mir so: wenn ich mich als Leser oder Plotter derartiger Phantastik geoutet habe, werden mir solche rhetorische Fragen als k.o.-Argument entgegen geworfen.
Aber niemand verlangt von einem Autoren, einen Mord zu begehen, bevor man über einen Krimi schreiben kann. Niemand wirft dem Autor vor, einen Mörder erfunden zu haben, der das Leben seines Opfers als wertlos betrachtet.
Ohne sich auch nur damit auseinander zu setzen, wird oft vorschnell von Außenstehenden angenommen, eine unreflektierte oder glorifizierende Behandlung des militärischen Themas wäre vorherrschend. Dabei ist es in der Regel das genaue Gegenteil.
Die meisten Military-Fantasy-Werke stammen aus Amerika, dem Industrieland, das sich so ziemlich als Letztes eine gute Versorgung für Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen etabliert hat. Bei einem Land, in dem an High-Schools für die Armee rekrutiert wird, indem man an den Patriotismus appelliert, ist es kein Wunder, das Fantasyliteratur entglorifiziert und die Rechtfertigung von Kriegen auslotet.
In Deutschland wird Krieg eher unter der Decke gehalten. Als deutsche Bundeswehrsoldaten erstmals seit derm Zweiten Weltkrieg aktiv in Kampfhandlungen eingesetzt wurden, war die Berichtserstattung sehr zurückhaltend. Gefallene Soldaten, die in anderen Ländern mit großen Feiern für ihr Opfer geehrt werden, schafften es in Deutschland nicht einmal in die Schlagzeilen. Wir nehmen an einem Krieg teil, aber das darf der Bevölkerung nicht den Eindruck vermitteln, das dabei Menschen sterben.
Und gerade in einer Zeit, in der eine Generation so voller Unwissen über ihre Vergangenheit aufwächst und sich von Falschaussagen blenden lässt, kann man Krieg in der Literatur ruhig so darstellen, wie er ist.

 

Entmenschlichung

Die aus strategischer Sicht wichtigste Aufgabe bei der Ausbildung von Soldaten ist die Entmenschlichung des Gegners. Erst wenn ein Soldat aufhört, sich mit diesem zu identifizieren, kann er sich auf seine Aufgabe konzentrieren, und einfach auf eine fremde Uniform schießen oder einstechen. Dieser Prozeß wird in der Phantastik teilweise kritisch aufgegriffen, wenn sich ein Buch oder Film sich stärker auf einen Rekruten fixiert.
Tobias O. Meißners „Die Soldaten“ beschäftigt sich mit einer Gruppe Rekruten im Grenzland, denen das Wissen um die Unterlegenheit und Minderwertigkeit ihrer Feinde anerzogen wurde. Falls jemand dieses hervorragende und vielschichtige Buch noch nicht gelesen hat, erzähle ich lieber nicht mehr über den Inhalt. Das Buch lässt die Leser oft gespalten zurück und in vielen Rezensionen findet man die Frage „Was will er denn damit aussagen?“ Ich persönlich sehe recht starke Anspielungen auf die deutsche Geschichte. Aber das Buch enthält keine zu starken Hinweis oder moralische Zeigefinger, es ist relativ offen zur Interpretation.
(Ein wirklich gutes Buch. Lesen Sie es!)
Auch außerhalb des Militärs ist wird dieser Mechanismus der Entmenschlichung genutzt: in allen Teilen der Gesellschaft, in denen Feindbilder benutzt werden. Nachrichten und vor allem Stammtische sind geflutet mit pausachalen Schuldzuweisungen.
„Die Juden sind unser Verderben“, hat man unseren (Ur-)Großeltern als Schulkinder beigebracht. Klingt das nicht ganz ähnlich wie das, was auf Facebook und Twitter über den Bildschirm flimmert? Gestern wurde mir in meiner Timeline ein Beschwerdebrief eines Mannes verlinkt, der einer Freizeiteinrichtung übel nimmt, dass sie Flüchtlingen freien Eintritt gewährt hat.
Man könnte fürchten, dass die Geschichte wiederholt sich.

 

Individualismus

Aber bei aller Liebe zu realen Bezügen, die meisten Autoren planen zuerst einen interessanten Konflikt oder eine zwiegespaltene Figur. Unsere Bücher tragen in der Regel eine Botschaft, aber das ist nicht ihr einziger Selbstzweck. Bei allem Mehrwert schreiben wir vor allem Unterhaltungsliteratur.
Für eine solche Planung bietet sich das Militär als Schauplatz auch einfach an: eine strenge Doktrin, relativ einheitliche Werte und Ziele. Der ideale Hintergrund, um den Helden zweifeln zu lassen: ist das richtig? Stehen unsere Feinde wirklich auf der anderen Seite der moralischen Linie, nur weil uns das immer vorgebetet wird?
Eine militärische Hauptfigur kann an ihren Überzeugungen zweifeln, steht vor der Wahl, ob sie sich alleine gegen die Gesellschaft auflehnt. Wenn alle um mich herum anders als ich empfinden – dann muss das doch richtig sein, oder? So viele Menschen können sich nicht irren.
Ein gutes Beispiel (wenn auch nicht mit so unschuldigen Figuren) ist die Black Company Reihe von Moorcock, in dem die paramilitärischen Hauptfiguren sich fragen müssen, ob sie auf der richtigen Seite stehen.
Und abseits aller Knochenbrüche, Blut, Schmerz und Gewalt ist das der springende Punkt: selbst wenn jeder anders als ich denkt, muss das nicht richtig sein. Selbst wenn eine unantastbare Autorität eine Meinung vorgibt, muss ich dieser nicht folgen. Selbst wenn Tradition und Erziehung mich in eine bestimmte Richtung drängen, muss ich inne halten und hinterfragen, ob es richtig ist.
Gute Military Fantasy schafft das. Deswegen lese und schreibe ich es, obwohl ich eine Frau bin, und ein Mensch, der zum Glück niemals einen Krieg erlebt hat.

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[Gastartikel] Atir Kerroum, „Wie das Imperium Romanum zur Dystopie wurde“

Dieser Blog und meine Projekte zeigen mein großes Interesse an historischen Zusammenhängen. Auch über Quelleninterpretation und -darstellung habe ich schon gebloggt. Daher freue ich mich sehr, heute einen Gastartikel von meinem Kollegen Atir Kerroum (Die Hexe von Kentigern, Machandel-Verlag) zu posten.

Atir spürt dem Begriff der Dystopie nach, der urspünglich aus der griechischen Philosophie stammt, und zeigt, dass das ausgehende römische Reich der perfekte Schauplatz für einen negatuven Zukunftroman wäre. Wer findet die meisten Übereinstimmungen mit dystopischen Romanen?

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Paenitemini et credite Evangelio!

Wie das Imperium Romanum zur Dystopie wurde
von Atir Kerroum

 

Die Dystopie („schlechter Ort“) ist ein Unrechtsstaat, in dem eine Bevölkerungsmehrheit die eigene Tyrannei, Unterdrückung und Ausbeutung wie das Evangelium verehrt. Widerstand gegen die kollektive Massenpsychose ist sinnlos. Wer dem Volk Krieg als Frieden, Freiheit als Sklaverei und Unwissenheit als Stärke verkaufen kann, braucht selbst demokratische Wahlen nicht zu fürchten.

Totalitarismus ist keine Erfindung der Neuzeit. In der „Politeia“ diskutiert Platon einen gendermaingestreamten Idealstaat ohne Eigentum, Familie und Geschlechterrollen. Philosophen und Künstler indoktrinieren die Bürger*innen. Ob die solcherart Beglückten die schöne neue Welt wollen, fragt Platon nicht. Aufrechterhalten wird die vermeintliche Utopie durch Indoktrination, Propaganda und betreutes Denken. Wer nichts von Eigentum weiß, wird nichts begehren. Wer niemals liebte, wird die Liebe nicht missen. Wer nur Sklaverei kennt, wird sich frei glauben. Die Dystopie löscht Alternativen aus, bevor sie gedacht werden können.

Und die Dystopie will geliebt werden. Weiterlesen

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[Recherche] Don’t mess with the noblesse – warum die Piraterie im 17. Jh. gedieh

Vor einigen Tagen bin ich auf der Facebook-Seite des Britannia Magazine über einen Artikel zu Anti-Pirate-Kampagnen gestoßen. Die Artikel über die Stuarts von Andrea Zuvich schätze ich sehr. Dieser Artikel eines anderen Autors hat mich jedoch etwas unzufrieden zurück gelassen.
Er beginnt mit der Feststellung, dass der Frieden von Utrecht 1713 so viele Privaters arbeitslos zurück ließ.

Das klingt, als wäre es vorher ein regelrechtes Dienstverhältnis gewesen, in dem die Privateers ihre Pflichten gegenüber den Auftraggebern erfüllten und ihrer Kontrolle unterlagen. Die Realität sah vollkommen anders aus. Sobald ein Schiff auf See war, entzog es sich vollkommen der Kontrolle der einstigen Auftraggeber (einer der Gründe, warum Kidd, der keinerlei seinem Kaperbrief widerstrebende Taten beging, als Pirat diffamiert und aufgehängt werden konnte: in seiner Abwesenheit konnte man nur spekulieren, was er so trieb, und als er zurückkehrte, stand das Urteil fest).
Die Grenze zwischen Privateers, anderen Kaperfahrern und Piraten waren fließend.

Juristisch ist „Pirat“ keine feste Bezeichnung einer Person; man kann diese Brandmarkung nur auf bestimmte Taten anwenden.  Weiterlesen

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[Fun Fact] Wie organisiert man die Navy?

Viele Computerspiele beschäftigen sich damit, wie man Städte, Staaten oder Unternehmen gründet und ökonomisch in Betrieb hält. Und irgendwo im englischsprachigen Raum gibt es bestimmt auch ein Spiel, dass sich auf die Anfänge der Royal Navy bezieht. (Ansonsten sollte das mal jemand programmieren.)
Wie würdest du also die britische Royal Navy organisieren, sagen wir mal… im 17. Jahrhundert?
Etwa die vom Parlament genehmigte Steuersumme zur Grundlage nehmen, davon die Bezahlung für die Seeleute abziehen und dann muss man noch berüc…

Schon verloren, Setzen, Sechs!

Das lässt sich doch alles viel kostengünstiger veranstalten. Hier sind die besten Hacks – jedenfalls, wenn dieses Plan-Spiel darauf achtet, das alles schön historisch korrekt ist.

 

1. Warum die Seeleute überhaupt bezahlen?

Seeleute bezahlen? Das ist SO elisabethanisch. Wir sind modern, wir sind die Stuarts, wir machen das natürlich nicht. Was sollen die schon tun – Whitehall stürmen? Geht doch nicht, die sind weit weg auf See. 😀

Und während des Interregnums soll die Anerkennung der Loyalität doch bitte als Vergütung reichen. Immerhin ist man im Bürgerkrieg, sozusagen. Da muss man eben die Zähne zusammen beißen und treu zu seinem Land stehen.

Historischer Hintergrund:
Jeder der Machthalter des 17. Jahrhunderts (James I, Charles I, das Parlament während des Interregnums, Charles II, James II) setzte zu einem Zeitpunkt seiner Herrschaft die Bezahlung der Seeleute aus, um das Geld anderweitig zu verwenden, teilweise schon wenige Jahre nach der Inthronisierung und / oder Machtkonsolidierung.
Als das Interregnum endete, schuldete die Navy den Seeleuten 350.000 Pfund ihres Lohnes. Da Charles II den Thron bestiegen hatte, war das dann sein Problem 🙂 Die geerbten Schulden waren auch kein Grund, dass das Parlament eine höheren Etat für die Navy genehmigte. Der soll sich einfach auch an Sparregel Nummer 1 halten, die Seeleute sinds ja gewohnt, nicht bezahlt zu werden.1

 

2. Leih dir Geld von deinen Untergebenen, ohne sie zu fragen.

Quod erat demonstrandum Weiterlesen

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[Recherche] Sie sind Legion? Frauen als Soldaten in der Navy

Verkleidete Frauen
Verkleidete Frauen sind ein beliebtes Stilmittel in historischen Romanen jeder Art; auch und gerade in denjenigen, die es mit dem Wort „historisch“ nicht allzu genau nehmen. Deswegen habe ich lange gezögert, eine solche Nebenfigur in meinem Roman einzuplanen. Sie ist jedoch für die persönliche Entwicklung des Helden und als Katalysator für den zweiten Teil des Manuskripts unverzichtbar.
Als ich ein wenig recherchiert habe, stellte ich fest, dass es erstaunlich viele Beispiele alleine schon für die Royal Navy im 17. und 18. Jahrhundert gibt. Mit gut zwei Dutzend eindeutig belegten weiblichen Soldaten hätte ich in diesem kurzen Zeitraum nicht gerechnet. Die Zahl hat mich überrascht, ich hätte sie niedriger angesetzt (wenn mich irgendjemand um eine Schätzung gebeten hätte).
Man muss schließlich noch die Fälle berücksichtigen, die sich nicht zweifelsfrei verifizieren lassen; die Landstreitkräfte; das nicht ausgewertete Quellenmaterial; die Zeiträume vor und nach diesen knapp 150 Jahren, die mich interessieren; andere europäische Länder. Selbst wenn man nur europäische Länder berücksichtigt, schließe ich daraus auf eine relativ hohe Anzahl an von der Fachliteratur noch nicht erfassten oder nicht erfassbaren Frauen.
Da regte sich in mir eine Trotzhaltung.
Einzelfall? Frauen, die sich derart in Männerrollen bewegten, sind keine historischen Einzelfälle, egal, was wir uns einreden lassen. Das gab den Ausschlag, die fragliche Romanfigur unter allen Umständen beizubehalten. Ich habe einen fiktiven Protagonisten und baue überall unauffällig historische Fakten ein, die das Ganze unterfüttern und dem Roman mehr historische Substanz verleihen. Das mit der verkleideten Frau ist jetzt leider nicht so unauffällig und es löst bei vielen Lesern vielleicht so einen „Wäh, schon wieder die schlecht recherchierte Standard-Hosen-Rolle“-Buch-Zuklapp-Drang aus – egal.
Die Frau bleibt drin.

Quellenlage und Dunkelziffern
Als Quellen stehen uns zum einen die zu Lebzeiten publizierten Biographien zur Verfügung, die sich einer großen Beliebtheit erfreuten und so bis in die heutige Zeit überdauerten. Allerdings galten schon damals Regeln, was sich verkauft und was nicht, so dass viele reale Erfahrungsberichte von Fiktion überlagert sind. Einige Berichte, wie z.B. die Lebensgeschichte von Lucy Brewer (1812-1815 in der Navy), lassen sich zweifelsfrei als fiktionales Werk erkennen (in ihrem Fall verfasst von einem Mann).
Mary Lacey’s biographisches Werk ließ sich in weiten Teilen verifizieren, die 1740 geborene Frau hat tatsächlich von 1759 bis 1771 als Seemann gearbeitet. Bei Mary Anne Talbot (1778 – 1808) hingegen gibt es einige auffallende Diskrepanzen. Beispielsweise soll sie einem Captain Bowen ins Feld gefolgt sein, dieser lässt sich jedoch historisch nicht nachweisen. Die Daten der Schiffspassagen stimmen nicht mit den Namen überein und so weiter. Talbot hatte jedoch zwei Schusswunden und noch einige andere Indizien sprachen dafür, dass sie tatsächlich auf irgendeine Art und Weise in Army oder Navy gedient hatte. Möglicherweise haben entweder sie oder ihr Verleger die Geschichte etwas aufgepeppt, um durch größere Berühmtheit mehr Geld zu machen Weiterlesen

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[Essay] Mann oder Frau… oder egal? Genderfreie Rollen in der Fantasy

Die meisten Helden, über die ich schreibe, sind Männer. Auch viele Bücher, die ich gerne lese oder auf meinem SUB liegen, haben männliche Protagonisten oder Erzählstimmen: Simon Scarrows Adler-Serie, Cornwells Uhtred-Serie, Sworddancer, Lindsey Davis‘ Falco-Serie, Maddox‘ SPQR-Serie – alles Männer.
Das liegt vor allem daran, dass Frauen in den Büchern, über die ich stolpere, zumeist starting characters sind, oder vor allem im historischen Bereich gerne um ihre Unabhängigkeit oder Existenz kämpfen (zum Glück ist die Mode der „Die [Beruf]in“-Romane überwunden!), Probleme überwinden, die sie haben weil sie eben Frauen sind.
Da gibt es sicher auch wichtige Themen, die angesprochen werden, und ich bin die Letzte, die sagen würde, dass Gleichberechtigung schon erreicht und Feminismus überflüssig ist.
Trotzdem – natürlich gibt es ein „trotzdem“.
Trotzdem meine ich, dass es viel zu wenig Romane gibt, in denen Frauen ihre Hindernisse und Probleme genderunabhängig zugeteilt bekommen. In denen es keine Rolle spielt, dass es eine Frau statt ein Mann ist, die diese Rolle spielt: weil die Konflikte allein in ihrer Biographie, Familiengeschichte, sozialen Schicht oder sonstigem begründet liegt.
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[Essay] Meine Quelle lügt! Hoffentlich…

Er ist jung, charmant und plant Verrat an seinem König. Die ideale Besetzung für meinen Bösewicht!
Als ich das erste Mal über James Scott stolperte, den unehelichen Sohn von König Charles II und 1st Duke of Monmouth, schien er der ideale Ankerpunkt für meinen Abenteuerroman zu sein. Mein Held ist keine berühmte Persönlichkeit und historisch daher nicht als Person belegt. Auch der Schauplatz bot einen weiten Spielraum – mit James Scott hatte ich den idealen Anlass, endlich ein Jahr zu fixieren.

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