[Artikel] „Fantasy-Autoren sind doch keinen Beschränkungen unterworfen!“

„Aber Du musst ja nicht recherchieren.“
„Du bist ja keinen Beschränkungen unterworfen, außer denen, die Du mit der Erschaffung selbst setzt.“
„Du kannst ja alles machen.“

Das hörte ich von einer veröffentlichten Autorin, die für zunächst ein Projekt ins Fantasy-Fach wechseln wollte. Die nachfolgende Diskussion hat nicht wirklich Verständnis gebracht; es ist auch meine Schuld, ich habe zu kleinteilige Beispiele gebracht. Da ich mich praktisch nur unter Fantasyautoren bewege und mit diesen austausche, war diese Frage nie wirklich aufgekommen – denn auch wenn sie es anders bezeichnen und diese Frage deshalb spontan verneinen würden, jeder Fantasyautor recherchiert irgend etwas.
Diese Autorin war jedoch (ebenso wie einige meiner Freunde) der Ansicht, das Tolle an der Fantasyliteratur sei für den Autoren, das es ein absolut beschränkungsloses Genre ist.
Und diese Absolutheit hat mich sehr irritiert.

Wieso bitte soll ich denn keinen Beschränkungen unterworfen sein? Wie innovativ und erfinderisch eine Fantasywelt auch sein mag, die meisten haben doch einige Analogien zu unserer Welt, wie z.B. Gravitation. Bitte sehr, ich kann nicht alles mit meiner Figur tun: Physikalische Gegebenheiten beschränken mich.
Außer natürlich ich definiere, dass mein Zwerg mal eben die Gravitation ignorieren kann und aus dem Stand 6 Meter hoch in der Luft herum springt, weil – er ist ja ein Zwerg.
Fantasy, alles ist möglich, gell?
Nur leider wird sich da jeder Fantasyleser irritiert an den Kopf packen, weil das dem Zwergenbild in seinem Kopf irgendwie widerspricht. Genre-Traditionen beschränken mich also ebenfalls; und auch wenn man gerne mal das Repertoire erweitert oder verändert, bezweifle ich, dass solche Hochspring-Zwerge glaubwürdig sein würden. (Aber was spekuliere ich, immerhin haben wir ja seit einigen Jahren glitzernde Vegetarier-Vampire.)

Im Bereich High Fantasy/Low Fantasy reiten die Protagonisten in der Regel auf Pferden. Pferde haben eine begrenzte Leistungsfähigkeit, außerdem benötigen sie Pflege. Ich kann nicht einfach das stundenlang bei Höchsttempo durchgerittene Pferd (vollkommen verschwitzt) irgendwo abstellen und später wieder mitnehmen. Ein Pferd ist kein Motorrad, und wenn man da nicht gut drauf acht gibt, ist es innerhalb kürzester Zeit krank, lahm oder tot. Tierphysiologie beschränkt mich also, außer ich denke mir jedes nicht-menschliche Wesen selbst aus. (Ich persönlich empfinde so etwas aus der Lese-Perspektive als sehr anstrengend, insbesondere wenn man die „Position“ an dieser Stelle auch mit einem real existierenden Tier hätte besetzen können).

Auch ist es nicht möglich, jedem Protagonisten einfach mal eine cool aussehende Waffe in die Hand zu drücken; nicht jede Waffe passt auf jeden Zweck. Stangenwaffen zum Beispiel (also Lanzen etc) sind eher in einem disziplinierten Kampfverband effektiv. Es ist nicht die erste Wahl für einen Einzelkämpfer.
Wenn nun dieser Einzelkämpfer mit einer zweihändig zu führenden Stangenwaffe herumwirbelt, macht sich ein Autor vielleicht die Gedanken: ‚der kann keinen Schild führen, ein schöner Panzer schränkt die Beweglichkeit ein, also wehrt er Geschosse mit seiner Waffe ab. Soll ja auch ein Superkämpfer sein, da passt das doch.‘ Moment einmal – eine zweihändig zu führende Stangenwaffe, und mit der wirbelt er wischi-wusch, von links nach rechts und sofort wieder nach links, ein Angriffstoß und zack!, mit einer schnellen Bewegung den nächsten Pfeil/Armbrustbolzen abwehren? In der Fantasy bin ich ja nur meinen Beschränkungen unterworfen? Nein, leider nicht, denn die zweihändige Waffe wiegt einiges. Sein Gewicht ist ein Vorteil, bildet aber auch einen erheblichen Nachteil, nämlich auf Kosten der Beweglichkeit. Das Hebelprinzip beschränkt hier meine Kreativität, oder um genauer zu sagen: wieder die physikalischen Gesetze.
Nicht jeder kennt sich mit Waffen aus. Man kann nicht alles wissen.
Dafür gibt’s ja Recherche. Niemand kann alles wissen, aber jeder kann nach Wissen suchen.
(Und praktisch alle Fantasyautoren, die ich kenne, machen das auch. Soviel zu „Ihr habt ja keine Vorarbeit, ihr denkt euch ja alles aus.“)

Jetzt hängen wir sehr an der Waffe für diesen Kämpfer, und dass er ein Einzelkämpfer ist, ist eigentlich auch nicht wichtig. Gliedern wir ihn in ein Heer ein, wir sind ja flexibel… und alles entspringt schließlich nur unserer Phantasie.
Wie komme ich eigentlich an so ein Heer?
Man könnte den Eindruck gewinnen, das befindet sich im Inventar eines jeden gutsortierten Herrschers; praktisch im Keller eingelagert und wartet auf seinen Einsatz.
Krieg ist verdammt teuer (Mearas Maxime Nr. 1), und es gibt wenig, was noch teurer ist.
Ein großes stehendes Heer zu unterhalten gehört allerdings zu den noch teureren Posten (und auch für ein kleines stehendes Heer braucht es schon gewisse Grundvoraussetzungen, die in der Welt herrschen müssen). In vielen Büchern ist es ein relativ „ungenutztes“ Heer, und da stellt sich die Frage: warum bezahlt man so viele Bewaffnete über so viele Jahre dafür, ihre Trainingseinheiten zu absolvieren, Patrouille zu gehen und in der Nase zu popeln? Oft stoße ich beim Lesen auf Szenarien, in denen Kriege in der Vergangenheit mit wesentlich weniger Kämpfern ausgefochten wurden, in denen der feindlich gesinnte Nachbar früher immer wesentlich weniger Kämpfer ins Feld führte, als das Volk des Protagonisten zum Zeitpunkt der Handlung besitzt; oder der feindlich gesinnte Nachbar hält seit x Jahren die Füße still, wegen diesem großen Heer.
Da frage ich mich immer: wozu so viele Soldaten? Wozu braucht man die alle, verdammt?
Achso, auf S. […] kommt der neue Feind ins Spiel, und da braucht der Autor ein Heer der Stärke X – deswegen muss es eben vorrätig sein.
Wieso auch nicht, ist doch immer gut, viele Bewaffnete zu haben, Abschreckung und so, passt halt.
Wahrscheinlich habe ich wirklich einen kleinen Militärfetisch, das sagen mir zumindest meine Autoren-Freunde ständig. Andererseits lese ich auch oft Rezensionen, in denen solche Dinge bemängelt werden, also ist die Anzahl an Menschen, denen so etwas auffällt. auch nicht gerade gering.
Innerweltliche Logik beschränkt den Autor also; die handelnden Personen wissen schließlich nicht, dass sie im Jahre X auf einmal einer derartigen Bedrohung entgegen sehen müssen, also warum sollten sie über einen so langen Zeitraum so viele teure Soldaten beschäftigen, die absolut zuviel sind?

Nachdem ich mich sowieso schon in so tödlichen Themen bewege, passt der nächste Punkt eigentlich gut hierher: Natürlich kann ich einfach definieren, dass ein Mensch stirbt, weil ich ihm den Kehlkopf einschlage.
Mal ehrlich, wie viele Leser werden sich beschweren, dass es ihnen nicht gelungen ist, einen Menschen so zu töten? Oder dass die Eingeweide ihres Gegner sich nicht bis auf den Boden gekringelt haben, als sie ihm den Bauch aufgeschlitzt haben?
Aber sofern man Menschen oder antropomorphe magische Wesen mit vergleichbarer Physiologie hat, kann man sich durchaus etwas an Realismus orientieren und die Mühe machen, diese physiologischen Bedingungen zu recherchieren.
(Übrigens: es geht beides nicht. Das mit dem Kehlkopf habe ich aus diversen Kampfsportforen, das mit den Eingeweiden… irgendein medizinischer Kontext, den ich gerade nicht mehr parat habe.)
Dann wird mein Feind eben nur von dem Schlag betäubt vor Schmerz und kann in Ruhe erstochen werden. Schon ist wieder alles realistisch.

Eine Leiche verbrennt übrigens auch nicht mal eben so, dazu braucht man Temperaturen von 900 °. Diese muss man erstmal erreichen und halten.
Unauffällig.
Und wenn man dies fertig gebracht hat, bleibt auch nicht nur Asche allein zurück, sondern ein ordentliches Häufchen Knochen, der Leichenbrand.

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Wenn wir Fantasyautoren die Illusion einer existierenden, einer realistischen Welt suggerieren wollen, und diese aus vielen Komponenten unserer Welt zusammen setzen, spielen wir natürlich auch nach den Regeln, die in unserer Welt gelten. Die kennt man in der Regel nicht alle so detailliert.

Zumindest kann sich ein Fantasyautor die Mühe machen, dafür zu sorgen, dass keine Reiter, Pfadfinder, Rollenspieler, Kampfkünstler, Archäologen oder sonstige Leser von unstimmigen Dingen aus dem Lesefluss heraus gerissen werden. Das mag jetzt nach Spezialwissen klingen, aber die meisten Menschen der Fantasy-Zielgruppe fallen in mindestens eine dieser Kategorien.
Auch der Verstoß gegen physikalische Grundkräfte fällt mehr Leuten ohne entsprechende Spezialbildung auf, als man denkt.

Und so lange das BKA nicht aufkreuzt, unseren Laptop und unsere Klamotten konfisziert und uns in U-Haft wirft, können wir alle möglichen Sachen googlen und auf anderem Wege Recherche betreiben.

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Wer also bisher dachte, Fantasy-Autoren, das sind doch diejenigen, die „keine richtige Literatur“ schreiben, die nicht viel Mühe haben, sie müssen ja nichts recherchieren und sind keinen Beschränkungen unterworfen, und Fantasy schreibt man nebenbei, braucht nur einen guten Plot und kann es mal eben so ausprobieren…
… der überlegt es sich vielleicht ein zweites Mal, bevor er kurz in das Fantasyfach wechselt, mit dem Hintergedanken „so schwer kanns nicht sein, man denkt sich ja alles aus“…
Denn wenn man an diesem Punkt des Artikels angekommen ist und beim Lesen immer fleißig genickt hat, und auch so motiviert ist, hat man immer noch das Arbeitsintensivste vor sich: den logischen Weltenbau.

Selbst wenn man nur plotbezogen Welten erschafft, ist es eine gehörige Fuddelei, bis alles stimmig ist und nicht nur im Buch steht, weil es für die Geschichte benötigt wird, sondern darüber hinaus auch eine logische, eine real existierende Welt suggeriert.
Und das ist doch das Ziel eines guten Fantasybuches.

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