[Gast-Artikel] Titel-Schutz – sinnvoll für Autoren?

Folgenden Beitrag lieferte mein geschätzter Autorenkollege Alexander Bálly in einer Online-Diskussion über Titel, die leider schon vor Veröffentlichung (oder Beenden) des Werkes von anderen Autoren in Anspruch genommen wurden.
Diesen Beitrag fand ich so gut, dass ich ihn spontan um die Erlaubnis zur Veröffentlichung bat.

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In Sachen Titelschutz musste ich mich schon einmal schlau machen.
Dies ist, was ich herausgefunden habe. Es ist aber – dies bitte ich zu beachten – keinerlei Rechtsberatung und ohne Gewähr.

Anlass war das Buch: „Die Seidenweberin“, von a) von Gillian Bradshaw (1. Auflage 1991) und b) von Ursula Niehaus (1. Auflage 2007). Er zeigte sich, dass es noch c) von Alev Lytle Croutier gibt (2003) und d) von Friedrich Schnack (1948).

Das habe ich herausgefunden:
Der Titelschutz ist tatsächlich eine windelweiche Geschichte.
Er dient grundsätzlich dazu, Verwechslungen – insbesondere im Handel – auszuschließen.

Soweit, so klar.

Aber Vorsicht!
Man darf nicht nicht Titelreservierung mit Titelschutz verwechseln.
Ein Titel ist automatisch geschützt, sobald er erschienen ist. (Was der Schutz wert ist, sei dahingestellt.)
Erschienen heißt: Ab Meldung bei der DNB, was ein Belegexemplar, also die physische Existenz in gedruckter Form voraussetzt. Solange der Titel aktuell lieferbar ist, ist der Titel geschützt und noch eine Weile darüber hinaus, für den Fall einer Neuauflage.
Wie lange? Fraglich …
Im Falle der Seidenweberin offenbar kaum mehr als 5 Jahre. Titelschutz ist automatisch und umsonst.

Titelreservierung kostet etwas.
Und sie wird angemeldet vor dem Erscheinen. Und sie gilt etwa 6 Monate im Voraus. Sie dient – theoretisch – dazu, dass die Verlage in der Schlussphase der Produktion ihren Titel sicher haben und nicht kurz vor Erscheinen ein neues Cover brauchen.
Und gilt nur etwa ein halbes Jahr.

Man könnte sie regelmäßig erneuern.
Was teuer ist. Und nicht dem Zweck der Einrichtung entspricht.
Was im Falle eines Rechtsstreites nicht sehr gut aussieht.

Es kann vorkommen, dass Bücher den selben Titel führen können – gleichzeitig.
Das mit der Titelverwechslung ist nämlich auch so eine Sache…
Im Falle der Seidenweberin war ein Titel nicht mehr lieferbar. Aber beides waren historische Romane. Dies dürfte ein Fall sein, wo es eng wird.

Wenn der Nordsee-Verlag in seiner Reihe: Unsere Plattfische das Buch „Der Butt“ heraus gibt, ist eine Verwechslung mit dem Roman von Grass wenig wahrscheinlich. Wenn Du aber einen Roman schreiben solltest und ihn „Der Butt“ nennst, wirst Du möglicherweise Schwierigkeiten haben.

Ok … Jedes Buch genießt mit seinem Erscheinen Titelschutz. Theoretisch klar. Doch in der Praxis wird es schon nebulöser… Es gibt keine Titelpolizei.
Es gilt: Wo kein Kläger, da kein Richter. Man sollte sich jedoch zweimal – besser dreimal – überlegen, ob man klagen möchte.
Es ist nämlich durchaus möglich, dass das Gericht sich der Meinung anschließt, dass mit kurzen Titeln, die aus wenigen geläufigen Worten gebildet werden, gar keine Titel gebildet werden können, die so originell sind, dass sie schützenswert wären.

Anders ausgedrückt: Es gibt zu wenige Wörter, um jedem Buch einen kurzen und originellen Titel zu geben. Man muss möglicherweise gleichlautende Titel hinnehmen, besonders, wenn Bücher nicht gleichzeitig auf dem Markt sind.

Außerdem: Wenn man klagt, klagt man auf Unterlassung.
Das bedeutet üblicherweise, dass man verlangt, dass der andere seine komplette Auflage vernichtet. Das ist sind gewaltige Kosten. Es geht also um einen gewaltigen Streitwert, und nach dem bemessen sich die Anwalts- und Gerichtskosten. Schadenersatz ist schwer nachzuweisen und kaum durchzusetzen.
Wenn man also gewinnt, bekommt man Recht, nutzt den Titel allein, hat aber sonst keinen Nutzen, nur der andere hat immense Kosten.
Verliert man aber oder vergleicht man sich, hat man gar keinen Vorteil, aber bleibt auf sehr üppigen Anwaltskosten sitzen.
Es ist also nicht einfach, Recht zu bekommen, und man hat dabei wenig zu gewinnen, aber viel zu verlieren: Keine Situation, in der man gerne klagen wird.

Sapristi!!! Gibt es denn überhaupt Titel, die echten Schutz haben? Oder ist der Titelschutz so wertvoll wie ein Regenschirm aus Löschpapier im Gewittersturm?

Ja: Es gibt tatsächlich geschützte Titel.
Wenn sie originell sind! (Und wie, bei den sieben gehörnten Höllenfürsten, weisen wir Originalität nach? Nein… lassen wir das. Im Zweifelsfall muss ein Richter entscheiden, ob ein Titel originell ist. Wieder ist der Streitwert hoch und der Ausgang unsicher.)
Es gibt Titel, die sind ganz sicher originell: „Pippi Langstrumpf“, „Der Name der Rose“, „Der Hobbit“. Aber bei den meisten kurzen Titel kann man trefflich darüber streiten, ob sie originell sind.
Es gibt jedoch noch ein Argument. Einen Trumpf, der immer sticht: „Der Untergang“, „Das Parfüm“, „Die drei Musketiere“, „Wem die Stunde schlägt“, diese Titel genießen echten, durchsetzbaren Titelschutz – nicht weil sie originell wären, denn sie sind es nicht – sondern weil sie prägend sind. Sie sind so bekannt, dass sie als allgemein anerkanntes Kulturgut gelten und unverwechselbar bleiben sollen. Sie haben die Literatur geprägt und sind darum geschützt.

Was also soll man raten?

  1. Man suche einen Titel, der möglichst gut, treffend und originell ist und zur Zeit nicht auf dem Markt ist.
  2. Man wähle zur Sicherheit noch einen Untertitel. So stellt man hoffentlich sicher, selbst keine Titelschutzverletzung zu begehen.
  3. Man rege sich nicht zu sehr auf, wenn ein anderer den selben Titel wählt. Klagen ist möglich, aber keine zu empfehlende Vorgehensweise.
  4. Titelreservierung kann man auch lassen. Es ist teuer ( knappe 150 Euro) und im Zweifelsfall kein echter Schutz. Zudem gilt die Titelreservierung nur 6 Monate.
  5. Der beste Rat: Man schreibe ein Buch, das binnen weniger Jahre als moderner Klassiker gilt und die Kultur nachhaltig prägt.

Doch was zerbrechen wir Autoren uns den Kopf um einen Titel.
(Die Indies müssen wir hier ausnehmen.)
Die Wahl des Titels ist aus gutem Grund in der Regel Sache des Verlages. Was immer wir Autoren auch an Titeln austüfteln, es sind nur Arbeitstitel oder Titelvorschläge.
Meist ist das auch gut so. Die Leute im Verlag verstehen normalerweise ihr Handwerk und werden sicher keinen Titel wählen, der dem Verkaufserfolg im Weg steht. Manche Titelvorstellungen von Autoren sind schlicht unbrauchbar: Sei es, dass der Wunschtitel schon besetzt ist, sei es, dass er zu banal ist, zu kompliziert oder das der Titel die falsche Erwartung weckt. Überhaupt neigen Autoren in ihrer sehr engagierten Sicht auf ihr Buch dazu, die Titelwahl übertrieben wichtig zu nehmen.

Man sollte als Autor immer daran denken: Die Leute merken sich zwar Titel, doch sie lieben die Geschichten. Die Verlage wissen das und sehen die Titelwahl darum etwas gelassener. Darum sind übrigens ernsthaft vor Gericht ausgetragene Titelklagen in der Verlagswelt eher selten – trotz der vielen Titel.
Es gilt: Warum streiten, wenn man auch verhandeln kann? Kompromisse sind gefragt. Da ändert man zum Beispiel für die Übersetzung eines Buches von Nicholas Sparks den Titel von „Die Säulen des Herkules“ in „Die Säulen des Herakles“. So vermeidet man einen Konflikt mit einer gleichlautenden Original-Veröffentlichung im Rowohlt-Verlag.
Im Falle eines Falles ist eine freundliche Anfrage und das einvernehmliche Klären ein guter Tipp.

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Alexander Bally wurde 1964 geboren und lebt in Bayern. Der gelernte Buchhändler schreibt seit 1995 und veröffentlichte 3 Fantasy-Thriller um die junge Halblings-Frau Lupina im Aavaa-Verlag. Daneben zeichnet er sich für 2 Anthologien verantwortlich.
Wenn er nicht gerade an seinen nächsten Projekten – einem regionalen Krimi und einem Schreibratgeber – arbeitet, gibt er Schreibkurse für Nachwuchsautoren.

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