[Essay] Selfpublishing – einfach schreiben und los gehts?

Heute möchte ich meine Gedanken zu einem Thema teilen, das mich schon seit längerer Zeit beschäftigt.

Vor Jahren gab es eine immense Diskussion zu Qualität, aber ich habe den Eindruck, dass sich Selfpublisher-Szene noch nicht von dem Ruch der überwiegend mangelhaft erstellten Ebooks hat befreien können. Auf der Leipziger Buchmesse sind Indie-Autoren stärker vertreten, durch Awards, Stände und Podiumsdiskussionen. Viele Indie-Autoren pflegen einen Blog, indem sie Einblick in die langwierigen Vorbereitungen ihrer Veröffentlichungen geben und einige Rezensions-Blogs widmen sich stark Indie-Autoren (z.B. Inflagranti-Books von Jack und Tilly Jones).

Dennoch stolper ich in Autorenforen immer wieder über Fragen zum Veröffentlichen, die Finanzielles oder Rechtliches beinhalten (meist: muss ich Steuern bezahlen? Wie verhindere ich, dass mein Buch geklaut wird?) doch mit den anderen Aspekten des Selbstverlages setzt sich scheinbar niemand auseinander.

Das Selbstverlag bedeutet, die Aufgaben des Verlags selbst wahr zu nehmen, ist den meisten Leuten nicht klar. Ein professionelles Lektorat oder Covergestaltung planen viele nicht ein, auch nicht aus dem weniger hochpreisigen Segment der nebenberuflichen Grauzone, in der sich viele Covergestalter und Korrektoren befinden. Selbst die Preise, die von den hauptberuflichen Vertretern der Zunft als Dumping-Preise verdammt werden (dieser Konfliktpunkt scheint sich inzwischen erledigt zu haben, immerhin bedienen beide Anbietergruppen mit ihrer unterschiedlichen Preispolitik auch ganz unterschiedliche Zielgruppen), scheinen den meisten noch zu teuer zu sein.

Aber wenn man mal einen potentiellen Indie vor der Veröffentlichung als Fragesteller in einem Forum antrifft, stellt man fest, dass diese Baustellen vollkommen ausgeklammert wurden.

Da denkt man schon an Buchklau (was ist, wenn jemand das Buch bei einem Shop einstellt, den ich noch nicht ausgewählt habe? […] Und was ist, wenn der Dieb das ganze unter meinem Pseudonym einstellt?), an den Rechteverkauf der Printausgabe an einen Verlag, an die Lizenzen für Übersetzungen oder Filmrechte.

Nur mit den grundlegenden Dingen, die zum Veröffentlichen erforderlich sind, beschäftigt sich niemand. Man verzeihe mir diese Verallgemeinerung, aber in allen Foren-Beiträgen aus 5 Autorenforen, in denen ich solche Fragen mitgelesen (oder mit beantwortet) habe, liegt der Anteil an den Fragestellern, die schon einen Plan für ihr Lektorat/Korrektorat hatten, im einstelligen Prozent-Bereich.

Dann habe ich mir mal die Seiten der Distributoren angesehen, und festgestellt, dass darüber kein Wort verloren wird.

Neobooks: 1) Lassen Sie Ihrer Kreativität freien Lauf. 2) Laden Sie Ihr Werk als .doc hoch.
Quelle: Neobooks-Homepage

 

Auch bei den „Tipps zum Publizieren“ am Rand findet sich kein einziger eintrag dazu; bei den Hinweisen zu Covern steht nicht einmal etwas zu den Rechten und Lizenzen von Bildern.

 

Amazon Kinde Publishing weist auf der Website unter „Leitfaden zur Qualitätssicherung für Kindle-Inhalte“ immerhin auf die Notwendigkeit von fehlerfreien Texten und Qualität hin, wenn sich auch die Beispiele auf technische Probleme und Haken konzentrieren:

Fehler identifizieren

Es ist ungemein wichtig, dass Sie Ihr Buch auf Fehler prüfen, bevor Sie Ihre Originaldatei hochladen; auch vor dem Hochladen eines überarbeiteten Inhalts, nachdem dieser schon einmal veröffentlicht war.


Tippfehler

Tippfehler sind eine der häufigsten Qualitätsprobleme, von denen unsere Leser berichten. Um ein qualitativ hochwertiges eBook zu produzieren, möchten wir Sie dazu anhalten, ein möglichst fehlerfreies Buch zu erstellen. Tippfehler entstehen aus verschiedenen Gründen: vertippte Wörter, schlechte optische Zeichenerkennung von eingescannten Texten, kopieren/einfügen über Quelldokumente hinweg, oder mehrere Konvertierungen einer Quelldatei.
Falls Sie auf einen Tippfehler in Ihrem Buch stoßen, ist es wichtig, dass Sie Ihren kompletten Text nach diesem Begriff durchsuchen. Ebenfalls unabdingbar ist die Suche nach ähnlichen Fehlern in Ihrem Text.

Enttäuschender Inhalt

Wir lassen keinen Inhalt zu, der unsere Kunden enttäuscht. Hierzu zählen unter anderem:
• Inhalte, die sich nicht wesentlich von einem anderen im Kindle-Shop erhältlichen Buch unterscheiden
• Zu kurze Inhalte.
• Inhalte, die keinen Genuss beim Lesen bereiten.

Epubli hingegen weist gar nicht auf solche Dinge hin, nichtmal unter dem Link „Checkliste für optimale Ergebnisse“.
BookRix hat dafür sogar einen prominent stehenden Info-Kasten – was jedoch daran liegt, dass Lektorat zu den optionalen kostenpflichten Leistungen der Plattform gehört (ca 3,79 €/Normseite – dort wird in Wörtern gerechnet).

 

Solange auf den Distributoren-Plattformen nicht mal ein vorsichtiger Satz steht wie etwa „Wenn sie überzeugt sind, dass Ihr Buch grammatikalisch und orthografisch korrekt ist und die Story den optimalen Verlauf nimmt, dann klicken Sie hier-und-dort zur Ebook-Erstellung“, muss man sich nicht wundern, dass angehende Selfpublisher ihre „Schreiben, Klick-und-weg“-Mentalität pflegen.
Andererseits kann man doch gerade von Autoren eigentlich verlangen, dass sie sich mit einem Minimum an Recherche auskennen?

Vielleicht sollte man solche „Informationshürden“ als eine weiter entwickelte Version der „Gate Keeper“ betrachten: nur diejenigen Indies, die sich auch ein bisschen informieren und auf Qualität achten, können mit ihrer Leseprobe (die neue Variante des „Gate“) den Leser dazu verlocken ihr Buch zu kaufen.
Qualität setzt sich durch.
Oder: Survival of the fittest.

Den Kopf schütteln darf man hoffentlich trotzdem, wenn Distributoren auf der einen Seite über den schlechten Ruf der Indies jammern, auf der anderen Seite ihren Kunden aber suggerieren, Selfpublishing beinhalte nur die Etappen Schreiben, Hochladen, technische Probleme der Ebookanzeige beheben und Marketing betreiben.

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4 Antworten auf [Essay] Selfpublishing – einfach schreiben und los gehts?

  1. Hallo Meara,
    genau die richtigen Gedanken. Ich stimme Dir zu. Ich bin auch oft verärgert, wenn ich schlechte Selfpublishing Produkte sehe. Da schneiden sich die Autor/-innen ins eigene Fleisch. Du sagst es treffend: Der Selfpublisher übernimmt die Aufgaben, die sonst der Verlag erledigt. Für mein erstes E-Book habe ich ca. € 1.500,- vorfinanziert. Es ist ein kleines Büchlein. Bei meinen neuen Projekt liegen die Planungskosten zurzeit bei ca. 3.500,- (Illustration/Lektorat) Ob ich das stemmen kann, weiß ich noch nicht, aber bevor das nicht geht, mache ich es nicht.
    Grüße aus dem Teutoburger Wald
    Rüdiger

    • mearafinnegan sagt:

      Hallo Rüdiger,

      als Indie ist das mit der Planung eben immer schwieriger. Es gibt keine anderen Autoren, deren erfolgreichen Bücher Dein Projekt quer finanzieren.
      Da bleibt es einem nur, sich als Autor als eine Marke aufzubauen, um so gut wie möglich von potentiellen Lesern gefunden zu werden. Zu viele Autoren machen auch im Marketing-Bereich einfach irgendetwas 0815, anstatt sich ein Konzept zu erarbeiten.

      Was aber genreübergreifend sinnvoll ist: sich bei „Blogger sucht Autor“ mit Genre und Kooperationsmöglichkeiten eintragen lassen, so dass man von den interessierten Bloggern gefunden wird. Du bist dort nicht eingetragen, falls das keine bewusste Entscheidung war, kannst Du mal einen Blick auf diese Seite werfen.

      Liebe Grüße
      Meara

  2. Kirsten Brox sagt:

    Auf epubli finde ich eine ganze Menge nützlicher Hinweise und Hilfestellungen zu Cover- und Lektoratsthemen. Sie empfehlen sogar geeignete Lektoren, Coverdesigner und bieten kostenlose Webinare zu diesen Themen an.
    Wenn du auf der Startseite etwas runter scrollst in den Bereich: „Persönlicher Service – Ihr Erfolg liegt uns am Herzen“ findest du:
    „persönliche Kundenberatung rund um Ihr Buch
    Kontakt zu Lektoren, Grafikdesignern und anderen Buchprofis
    Weiterbildung für Autoren
    professionelle eBook-Konvertierung“ mit den dazu passenden Links.
    Übersehen?

    • Hallo Kirsten,
      vielen Dank für den Link. Nein, das habe ich nicht übersehen, mir ging es explizit um die jenigen unter dern Selfpublishern, die einfach so ihre „Werke“ in Rohfassung raushauen, ohne da irgendeinen weiteren Arbeitsbedarf zu sehen. Hand aufs Herz: mir sind zum Zeitpunkt des Artikelpostings speziell eine oder zwei Autor/innen insbesondere auf Facebook aufgefallen, die mit dieser Strategie „arbeiten“ und mich hat das ziemlich genervt. Ebenso einige andere Leute, die aber da kein Öl ins Feuer gießen wollten. Als jemand, der keine Romane verkaufen möchte und somit wesentlich weniger Angriffsfläche bietet (mir kann man keine schlechte Rezension reindrücken usw) habe ich einfach mal laut ausgesprochen, was alle dachten.
      Ich werde aber noch sehen, ob ich da vielleicht einige Links im Artikel ergänze.

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