[Essay] Meine Quelle lügt! Hoffentlich…

Er ist jung, charmant und plant Verrat an seinem König. Die ideale Besetzung für meinen Bösewicht!
Als ich das erste Mal über James Scott stolperte, den unehelichen Sohn von König Charles II und 1st Duke of Monmouth, schien er der ideale Ankerpunkt für meinen Abenteuerroman zu sein. Mein Held ist keine berühmte Persönlichkeit und historisch daher nicht als Person belegt. Auch der Schauplatz bot einen weiten Spielraum – mit James Scott hatte ich den idealen Anlass, endlich ein Jahr zu fixieren.

 
James Scott – wer ist das überhaupt?

Ich hatte zugegebenermaßen noch nie von ihm gehört, aber das Sondieren der harten Fakten passte perfekt. James wurde 1649 geboren und war ein uneheliches Kind von King Charles II. Er kam erst relativ spät in das Umfeld seines Vaters, bewährte sich jedoch schnell als Soldat. James war schließlich sogar in letzter Instanz verantwortlich für das gesamte Heer – das brachte mir die entscheidende Gelegenheit für eine Begegnung zwischen Held und Bösewicht. In meinem Kopf bildete sich das Bild eines Mannes, der wegen militärischer Vergehen (Desertation? Durch genauere Recherche noch zu klären) zum Tode verurteilt ist, jedoch von einem Mittelsmann des Oberbefehlshabers heraus geholt wird und fortan in Monmouths Diensten stehen muss…
Zurück zu den Fakten: Vier Jahre später befindet James Scott sich plötzlich im Exil. Und noch einmal vier Jahre darauf wird eine Verschwörung aufgedeckt, die den Tod des Königs wollte, und an der er angeblich beteiligt war.
Charme, Talent, Macht, Ehrgeiz, Nähe zum Königshof, heimliche Intrigen und Verschwörungen, was will man mehr. James wurde als manipulativer Ränkeschmied par excellence in meinen ersten Planungs-Entwurf eingepasst. Als Grund für den Verrat hatte ich mir zwar etwas Schönes ausgesucht, allerdings konnte das ebenso gut als untergeordnetes Motiv dienen. Sollte ich bei der Recherche feststellen, dass sich ein Beweggrund als relativ wahrscheinlich in Einklang mit der Fakten heraus kristallisiert, wäre das nicht schlimm. Menschen sind kompliziert und werden meist von mehreren Emotionen oder Zielen beherrscht.

 

James Scott – wie stellten Zeitgenossen und Historikern ihn sich vor?

Dann schlug ich die ersten detaillierteren Bücher zu diesem Thema auf, und erlitt einen leichten Schock: mein wunderbarer fähiger Ränkeschmied war auf eine ganz unpassende Weise charakterisiert: fehlgeleitet von falschen Freunden, in allem auf seine Berater hörend und nicht immer klug von ihnen angeleitet und so weiter…
Das klingt, als könnte er gerade eben entscheiden, welche Kleidung er anziehen soll, und auch nur, wenn er an einem Tag gut in Form ist!
Aber keine Panik, das ist doch nur Sekundärliteratur. Historiker, die ihre Interpretation nieder schreiben. Wenn man die Quellen selbst betrachtet, gibt es sicher mehrere unterschiedliche Stimmen.
Welche Quellen gibt es denn überhaupt zu dem Thema?
Und als ich in dieser Richtung umschaute, bekam meine zarte Autorenseele den zweiten Schock: die Quellen waren natürlich nicht einfach aufgelistet, sondern mit Zitaten wieder gegeben. Die ausgewählten Zitate dieser Quellen sagen alle aus, wie beliebt James war, was für ein Sonnenschein bei Hofe und dass sein Vater ihm praktisch ergeben war.
Das war dann etwas irritierend, denn er war ein Bastard, angeblich ungebildet und verwildert, bis er zum Hof kam – ich hatte mir nicht ausgemalt, dass da ein solches Verhältnis bestanden hätte.
Ein bisschen kam ich mir wie ein Detektiv vor, der immer predigt, man dürfe keine Theorien bilden, ohne alle Fakten zu kennen – und dann feststellt, dass er genau das gemacht hat.

 

„Lügen“ die Quellen?

Allerdings kann es dafür einen ganz einfachen Grund geben: James wollte offenbar seinen König und Vater verraten. Bei dem sogenannten Rye House Plot, in den er 1683 angeblich trotz seines Exils verwickelt war, wurde der Tod des Königs geplant.
Ein solcher Verrat wird um so schlimmer, je mehr Wertschätzung und Zuneigung einem Mann mit James‘ Hintergrund von dem Mann entgegen gebracht wird, dessen Tod er (vermutlich) plante.
Das könnte schon mal einer der Gründe sein, warum die Quellen so einhellig berichten. Ich muss zugeben, mich machte diese Einmütigkeit etwas misstrauisch. Wann jemand was getan hat, darüber mag ja kein Zweifel bestehen; aber sobald es um Beurteilungen von Menschen und deren Handlungen geht, bin ich aus diversen anderen Epochen ein vielfältigeres Bild gewohnt.
Wenn alle Quellen dieselbe Meinung zu einem Sachverhalt vertreten, lässt das meine Alarmglocken läuten. Da muss ich nochmal einen kritischen Blick drauf werfen.

 

Stuartfreundliche Geschichtsdeutung

Allerdings habe ich natürlich nur Zugang zu einem bestimmten Ausschnitt an Quellen gehabt, die von den Historikern zur Unterstreichung ihrer Argumentation ausgewählt wurden. Und diese Historiker scheinen ein großer Teil meines derzeitigen Recherche-Problems zu sein. Auch diese ganzen Aussagen bezüglich James‘ Lenkbarkeit sind nur Meinungen, die Historiker aus der Quellenlage gewonnen haben.
Ihre eigenen Interpretationen, keine Fakten. Interpretationen, die sein hochverräterisches Verhalten deutlich abschwächen. Kein Wunder, wenn man ein Fan des Stuart-Hauses ist.
Das eigentliche Problem sind die englischen Verlage, die zu glauben scheinen, dass man den Leser nicht mit allzu viel Hintergrund belasten soll. Deswegen arbeiten diese Historiker in den Publikationen nicht so nahe an den Quellen, wie ich es mir wünsche, geben eher wenig Fußnoten und machen es einem schwer, Fakten, Meinungen der Verfasser der Quellen und Meinungen des Historikers zu trennen. Das ist mir leider auch bei deutlich neueren Büchern aus dem englischsprachigen Raum (zu anderen Themen) aufgefallen, weswegen ich glaube, dass englische Verlage Manuskripte ausdrücklich in solcher Manier verlangen.

Im Mai 2016 erscheint eine neue Monographie, die da hoffentlich näher an den Quellen arbeitet, generell quellenkritischer ist und vielleicht auch die Sekundärliteratur etwas genauer beleuchtet. (Die Hoffnung stirbt zuletzt, denn auch dies erscheint in keinem Universitätsverlag.)
Leider bin ich kein Spezialist für Englische Geschichte, so dass ich nicht alleine beim Namen eines Autors weiß, ob er nachlässig arbeitet, Literaturangaben verwechselt, aufgrund von Stuartfreundlichkeit parteiisch ist, seiner Meinung widersprechende Quellen unter den Tisch fallen lässt oder sonstige wissenschaftliche Schwächen hat. Da bin ich ganz Konsument und darauf angewiesen, dass mir das kritisch seziert wird.
Warum wollte ich nochmal ein Projekt verwirklichen, bei dem ich noch keine detaillierten Einblicke habe??


Zwischen Fakt und Fiktion

Allerdings ist das nicht ganz so schlimm, immerhin möchte ich keine Vortragsreihe oder wissenschaftliche Arbeit zu dem Thema verfassen, sondern „nur“ einen Roman schreiben. Ich habe also die Freiheit, mich für eine der verschiedenen Versionen zu entscheiden, ohne dass ich es begründen muss. Beispielsweise ist bis zum Tod von Charles II. keine Beteiligung von James Scott an handfesten Verschwörungen wie z.B. dem Rye House Plot erwiesen. Ich entscheide mich natürlich für eine Version, nach der er in Verschwörungen verwickelt war bzw. sie sogar initiiert hat, weil es mehr Potenzial bietet.
Bei vielen Romanen finde es schade, wenn nicht passende Sachverhalte von Autoren einfach ignoriert werden. Insbesondere wenn Fakt und Fiktion sich stark unterscheiden. Dann sollte man doch eher den Grundkonflikt nehmen und daraus einen Fantasyroman machen, wenn man sich nicht an die Faktenlage halten will!
Sollte ich also mit meinem kriminellen Mastermind ein ähnliches Problem bekommen, kann ich nicht einfach James Scott auf eine Weise darstellen, die entgegen gesetzt zu dem historischen Bild von ihm steht. Falls sich in einigen Monaten nach eingehenden Nachforschungen unter Berücksichtigung der (hoffentlich guten) neuen Monographie herausstellen, dass James of Monmouth anscheinend wirklich eine Hohlbirne war, der überwiegend auf Berater hörte… dann kann ich das relativ einfach umgehen, ohne dabei die historische Faktenlage zu ignorieren.
Diese Meinung über James of Monmouth (so sie tatsächlich derart einheitlich bestehen sollte, q.e.d.), wurde vor allem durch Quellen seiner Zeitgenossen geprägt. Mein Ränkeschmied muss also lediglich sein Umfeld bewusst täuschen, sich einfältiger machen als er ist, willfährig und lenkbar erscheinen und im Geheimen seine aufrührerischen Pläne vorbereiten…
Wie man weiß, schreiben die Sieger die Geschichte. Da James‘ hochverräterische Pläne (sofern existent) nicht umgesetzt wurden und er später noch in der Rebellion gegen seinen Onkel unterlag, hatte er keine Gelegenheit mehr, dieses falsche Bild zu korrigieren… so dass ich in meinem Roman einen Gegenentwurf ausarbeite, ohne dass dadurch die heutige Quellenlage einfach übergangen wird.
Nun kommt der nächste Kracher: offensichtlich war James sehr dem Okkulten zugetan. Aber, keine Panik: vielleicht „lügt“ die Quelle. Und wenn nicht, dann kann ich das sicher passend umdeuten. In dem Artikel tauchten ständig Namen auf, die ich an anderer Stelle als James‘ angebliche Beeinflusser gelesen habe.
Ja, warum nicht anders herum: James engagierte sich in der okkulten Szene, um eine Verbindung zu diesen einflussreichen Personen zu schaffen (denen er Naivität vor spielte und sie dazu brachte, ihm Handlungen „vorzuschlagen“, die sie dann tatkräftig unterstützten).

Ich sehe mich schon komplizierte Mindmaps voller Pfeile an mein Whiteboard zeichnen.

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Weitere Essays rund um das Schreiben von insgesamt elf Autoren hat die Zeitzeugin auf ihrem Blog gesammelt: „Wir schreiben.“

 

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7 Antworten auf [Essay] Meine Quelle lügt! Hoffentlich…

  1. Pingback: „Wir schreiben“ – eine Essaysammlung | Zeitzeugin

  2. Zeitzeugin sagt:

    Bin froh, dass ich nicht unter Berücksichtigung historischer Quellen schreiben muss. Ich weiß ja auch aus dem Studium, wie schwierig das sein kann gerade dann, wenn es um Charaktereigenschaften geht. Dass die nicht halb so haltbar gemacht werden können wie ein Ölgemälde und noch dazu leicht verfälscht wiedergegeben werden können, ist ja leider klar.

    Fand deinen Exkurs aber sehr interessant.

    • mearafinnegan sagt:

      Vielen Dank! Habe mich extra bemüht, auf den übermäßigen Gebrauch von Fachworten zu verzichten, damit es auch Leute interessant finden, die nicht solche Geschichts-Nerds sind. Bin ehrlich gesagt froh, dass der Protagonist und andere wichtige Gestalten aufgrund ihrer Schicht nicht literarisch belegt sind. Viel zu recherchieren gibts da natürlich trotzdem, aber dann ist es ein etwas einfachereres Puzzle-Spiel 🙂

  3. Zeitzeugin sagt:

    edit: Habe gerade das „Dein Kommentar muss noch moderiert werden. “ so gelesen: „… muss noch ignoriert werden.“ und war dezent empört. *g*

  4. Wolf Awert sagt:

    Recherchieren war Teil meines Arbeitsalltages in meinem früheren Leben. Geblieben ist davon nur eine Allergie. Aber Dein Wechselspiel zwischen Fakten und Gedanken ist spannend.

  5. Eluin sagt:

    Oh ja, mit harten Fakten zu arbeiten stelle ich mir nicht einfach vor. Ich finde es schon schwierig genug ein halbwegs realistisches Setting zu bauen, in dem eine Fantasywelt funktioniert. Dafür brauche ich aber „nur“ meine geliebten Naturwissenschaften.

    Ich finde es immer wieder klasse, wie viel Zeit Autoren historischer Romane in die Recherche stecken, um Geschichten früherer Zeit lebendig werden zu lassen – gefällt mir gut und lese ich sehr gerne. Irgendwann traue ich mir das vielleicht auch mal zu, eine Idee habe ich, aber noch fehlt sehr viel Hintergrund dazu.

    Deine Ideen, Quellen entsprechend umzuinterpretieren (vor allem, wie der Charakter nach außen scheinen mag) finde ich gut und nachvollziehbar. Dazu macht es mir Mut, irgendwann tatsächlich meine Idee umzusetzen.

    Vielen Dank und alles Liebe
    Eluin

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