[Essay] Mann oder Frau… oder egal? Genderfreie Rollen in der Fantasy

Die meisten Helden, über die ich schreibe, sind Männer. Auch viele Bücher, die ich gerne lese oder auf meinem SUB liegen, haben männliche Protagonisten oder Erzählstimmen: Simon Scarrows Adler-Serie, Cornwells Uhtred-Serie, Sworddancer, Lindsey Davis‘ Falco-Serie, Maddox‘ SPQR-Serie – alles Männer.
Das liegt vor allem daran, dass Frauen in den Büchern, über die ich stolpere, zumeist starting characters sind, oder vor allem im historischen Bereich gerne um ihre Unabhängigkeit oder Existenz kämpfen (zum Glück ist die Mode der „Die [Beruf]in“-Romane überwunden!), Probleme überwinden, die sie haben weil sie eben Frauen sind.
Da gibt es sicher auch wichtige Themen, die angesprochen werden, und ich bin die Letzte, die sagen würde, dass Gleichberechtigung schon erreicht und Feminismus überflüssig ist.
Trotzdem – natürlich gibt es ein „trotzdem“.
Trotzdem meine ich, dass es viel zu wenig Romane gibt, in denen Frauen ihre Hindernisse und Probleme genderunabhängig zugeteilt bekommen. In denen es keine Rolle spielt, dass es eine Frau statt ein Mann ist, die diese Rolle spielt: weil die Konflikte allein in ihrer Biographie, Familiengeschichte, sozialen Schicht oder sonstigem begründet liegt.

Vor kurzem habe ich erneut an mein Dark-Fantasy-Projekt gedacht und bin die wichtigsten Personen durchgegangen: zwei Männer. Mir fiel wieder einmal die Männerlastigkeit meiner Projekte auf. Aber in diesem Moment begriff ich, dass es keinen Grund gibt, warum der Protagonist kein Mann sein sollte.
Der Hauptcharakter ist eine Person, die die Macht hinter dem Thron bedeutet; zeitweise sogar die eigentliche Macht besitzt. Mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen. Eigentlich eine klassische Besetzung für den Gegenspieler des Helden, nur dass ich diese Person in dem Roman zum – Hauptcharakter machen werde. Das Wort „Held“ passt da nicht so wirklich. 🙂
Diese Person hat nahezu unumschränkte Macht, begrenzt nur von einem einzigen Tabu: das Leben des Herrschers ist unantastbar.

Warum sollte das ein Mann sein? In meinem Weltenentwurf ist es eine erbliche Position. Erbbrechtigt sein können durchaus einfach die ältesten Nachkommen.
Warum sollte das ein Mann sein? Diese Position erfordert vor allem Diplomatie, hohe Politik, geheime Intrigen – Köpfchen.
Warum sollte das ein Mann sein?
Weil keine der typischen Frauenproblematiken eingebaut ist?
Weil die Person nicht erst irgendwelche Hindernisse oder Vorurteile überwinden muss, sondern schon eine starke Position inne hat?
Weil die Genderthematik keine Rolle spielt und es gewissermaßen eine genderfreie Rolle ist?
Marion Zimmer Bradley hat im Vorwort einer ihrer Sword and Sorceress-Bände ein bekanntes SciFi-Zitat abgewandelt: „Wir müssen die starken Frauen voraussetzen und von dort aus weiter marschieren.“ 1

Ich habe eine genderfreie Rolle zu vergeben. Eigentlich doch geradezu prädestiniert für die Besetzung durch eine Frau. Denn wenn Frauen nicht stark oder mächtig sind, obwohl sie eine Frau sind oder weil sie eine Frau sind – das ist doch schon eine Aussage für sich.
Langsam freunde ich mich immer mehr damit an, den Charakter mit einer Frau zu besetzen.

1    Sword and Sorceress III

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4 Antworten auf [Essay] Mann oder Frau… oder egal? Genderfreie Rollen in der Fantasy

  1. Tintenteufel sagt:

    Eine interessante, aber irgendwie auch traurige Feststellung, die du da gemacht hast. Traurig vor allem deswegen, weil „männlich“ immer noch die Default-Einstellung zu sein scheint für Protagonisten, wenn du die Möglichkeit einer weiblichen Hauptperson erst entdecken musstest. Mir geht das bisweilen auch so. Ich habe einige weibliche Protagonisten, manchmal aus Gründen, manchmal nur so.
    Als Mann stellt sich mir da immer die Frage, ob ich nicht zu weit gehe. Ob ich an dieser Stelle nicht das Geschlecht missbrauche, um Persönlichkeit zu ersetzen.

    Interessant allerdings in Bezug auf die genderfreien Rollen. Dem würde ich mich nämlich ohne weiteres anschließen: Gewisse Konflikte sind nicht durch Geschlecht, Erziehung oder Herkunft bestimmt, sondern fundamental menschlich. Das fehlt mir leider oft.

    Du stehst jetzt nur vor der schwierigen Herausforderung, nicht nur eine Graue Eminenz – einen klassischen Bösewicht – als Protagonisten zu erstellen, sondern auch noch all die damit assoziierten weiblichen Tropes wie böse Königin, Eiskönigin, Stiefmutter usw. zu umschiffen.
    Das ist – aktuell zumindest – noch mein Problem: ganz ignorieren kann man das Geschlecht nicht, weil der Leser doch irgendwelche Erwartungen daran hat. Selbst wenn man sich negativ zur Geschlechterrolle verhält, nimmt man ja noch Bezug darauf.

    • Ich hatte mich da eigentlich auf Hauptfiguren bezogen. Bisher hatte ich aufgrund der Biographie, des Landes oder des historischen Hintergrundes nur Männer als zentrale Figuren er Handlung geschrieben. In Planung habe ich noch die eine oder andere Frau, einige genderfrei, andere nicht wegen des historischen Settings.

      Ich fand es erschreckend, wie sehr mich der typische „Weil/obwohl sie eine Frau ist“-Ton, der in den meisten Romanen vorherrscht, geprägt hat, ohne dass es mir auffiel.

      Die von Dir genannten „Probleme“ bei meiner Figur müsste ich sehr mühsan hinein bauen, da besteht keine Gefahr. Charakterlich ist die Figur auch eher als Denker / Stratege angelegt. Rein auf die Rolle bezogen gibt es keine Dominanz durch (Körper-)Kraft / Drohungen, insofern könnte man da über die Kommunikation eine Brücke zu typisch weiblichen Vorstellungen schlagen. Nicht alles Sachen, denen ich zustimmen würde (meine Hausärztin hat mich beispielsweise noch nie gefragt, ob ich ein Haustier besitze und wie es heisst – nach den Klischees dürfte ich mich bei der gar nicht wohl fühlen, weil sie immer kurz und knapp auf ihre Arbeit konzentriert ist, aber ich finde sie klasse), aber das muss als Brückenschlag reichen. Eher indirekte Kontrolle (viel auch durch Abhängigkeiten / Verpflichtungsgefühle) als eine bloße Machtdemonstration plus Drohung.
      Lustigerweise ist ein solches Verhalten, das vermutlich eher mit „typisch weiblich“ statt männlich assoziiert wird, für meinen historischen Antagonisten belegt. Er wird in den Quellen als eine Person mit viel Charme beschrieben, die mühelos jedermann für sich einnehmen und bezaubern konnte (ein bisschen Übertreibung gehört zu jeder Quelle, insbesondere, wenn Feindbilder, Umsturzversuche und so weiter mit hinein spielen), so dass ich diesen auch als Person angelegt habe, die vor allem durch emotionale Kontrolle ihren Einfluß ausübt.

  2. Romy Wolf sagt:

    Amen! Du sprichst da ein Thema an, das mich schon seit langer, langer Zeit nervt. Frauenfiguren in Bücher und Filmen werden in 98% der Fälle über ihr Geschlecht definiert, sind sind zunächst mal eine Frau, und dann eine Figur.

    Was habe ich bei den „The Hunger Games“ gejubelt, als ich Katniss begegnet bin, und ihr Geschlecht in der ganzen Geschichte nicht einmal zum Thema gemacht wurde. Und wieso auch? Selbiges gilt für Rey aus Star Wars (obwohl Disney sich da ja völlig verkalkuliert zu haben scheint und nicht damit gerechnet hat, dass die Leute so auf sie anspringen würden). Ich finde so etwas so erfrischend und ich wünsche mir mehr solcheer Figuren – und versuche auch immer mehr, sie in meinen Büchern einzubauen. Wenn wir nicht mit gutem Beispiel vorangehen, wer dann?

    • Das freut mich aber, das ich da offene Türen bei einigen einrenne. Auf Facebook habe ich von einem (männlichen) Bekannten etwas Unverständnis geerntet.
      Mich stört es auch, dass Männer und Frauen zwangsläufig eine Liebesbeziehung haben müssen. Ich hänge ja immer noch bei meinen „Ich habe keine Zeit und mache was Nettes zwischendrin“-Projekten, die natürlich ungeachtet ihrer Kürze komplizierter und komplexer im Arbeitsaufwand wurden. (Ist das nicht immer so?)
      Starring: a man, a women, both mercenaries.
      Eigentlich dachte ich, sie „müssten“ als Langzeit-Entwicklung ein Paar oder etwas in der Richtung werden. Was ich mir aber nicht so recht vorstellen konnte, denn der männliche Charakter ist sozial etwas sehr abgekapselt und wirkt (jetzt setze ich mich mit dem Begriff sicher wieder in die Nesseln) ziemlich asexuell.
      Die Zeitzeugin hat mich mit ihrem Artikel über platonische Paarungen dazu gebracht, auf eine entsprechende Erwartungshaltung zu pfeifen. Warum müssen männliche und weibliche Charaktere direkt etwas miteinander anfangen oder zumindest schlafen, nur weil einer von ihnen eine Frau ist?
      Das ist so ein bisschen mit dieser anderen Problemstellung verbunden. Frauen sind keine Kameraden, Frauen sind vor allem Frauen und deswegen muss man sie entsprechend ihres Geschlechts benutzen oder am besten noch eine Liebesgeschichte einbauen.
      Da halte ich es mit den Helden in Strumpfhosen: ich sag einfach „nö“.

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