[Fun Fact] Wie organisiert man die Navy?

Viele Computerspiele beschäftigen sich damit, wie man Städte, Staaten oder Unternehmen gründet und ökonomisch in Betrieb hält. Und irgendwo im englischsprachigen Raum gibt es bestimmt auch ein Spiel, dass sich auf die Anfänge der Royal Navy bezieht. (Ansonsten sollte das mal jemand programmieren.)
Wie würdest du also die britische Royal Navy organisieren, sagen wir mal… im 17. Jahrhundert?
Etwa die vom Parlament genehmigte Steuersumme zur Grundlage nehmen, davon die Bezahlung für die Seeleute abziehen und dann muss man noch berüc…

Schon verloren, Setzen, Sechs!

Das lässt sich doch alles viel kostengünstiger veranstalten. Hier sind die besten Hacks – jedenfalls, wenn dieses Plan-Spiel darauf achtet, das alles schön historisch korrekt ist.

 

1. Warum die Seeleute überhaupt bezahlen?

Seeleute bezahlen? Das ist SO elisabethanisch. Wir sind modern, wir sind die Stuarts, wir machen das natürlich nicht. Was sollen die schon tun – Whitehall stürmen? Geht doch nicht, die sind weit weg auf See. 😀

Und während des Interregnums soll die Anerkennung der Loyalität doch bitte als Vergütung reichen. Immerhin ist man im Bürgerkrieg, sozusagen. Da muss man eben die Zähne zusammen beißen und treu zu seinem Land stehen.

Historischer Hintergrund:
Jeder der Machthalter des 17. Jahrhunderts (James I, Charles I, das Parlament während des Interregnums, Charles II, James II) setzte zu einem Zeitpunkt seiner Herrschaft die Bezahlung der Seeleute aus, um das Geld anderweitig zu verwenden, teilweise schon wenige Jahre nach der Inthronisierung und / oder Machtkonsolidierung.
Als das Interregnum endete, schuldete die Navy den Seeleuten 350.000 Pfund ihres Lohnes. Da Charles II den Thron bestiegen hatte, war das dann sein Problem 🙂 Die geerbten Schulden waren auch kein Grund, dass das Parlament eine höheren Etat für die Navy genehmigte. Der soll sich einfach auch an Sparregel Nummer 1 halten, die Seeleute sinds ja gewohnt, nicht bezahlt zu werden.1

 

2. Leih dir Geld von deinen Untergebenen, ohne sie zu fragen.

Quod erat demonstrandum – die Seeleute können eh nichts machen, wenn man sie nicht bezahlt, also kann man sie auch bestehlen. Was sollen die schon tun usw.
Für einen König von Gottes Gnaden gelten einfach andere Regeln.

Historischer Hintergrund:
Jedem Seemann stand auf dem Schiff ein festgelegter Bruchteil seines Lohns zu, der in einer Kiste mit 5 Schlössern mit sich geführt wurde. (Nur in Gegenwart aller Offiziere mit ihrem jeweiligen Schlüssel konnte die Kiste geöffnet werden). Dieser Teil ihres Lohnes wäre den Seeleuten sicher gewesen – eigentlich. Zumindest von Charles I ist es bekannt, dass er sich mehr als einmal an dem Inhalt bediente, bevor sie an die Schiffe ausgeliefert wurden.
In unserer Spielsimulation würden die Verantwortlichen dann „King’s favour“ ernten, wenn sie nicht zu viel rumstressen, und das ist eine Währung, die man immer gut gebrauchen kann.
Außerdem kann man sich mit den anderen Offizieren verbünden, die Kiste zu plündern und am Zahltag ganz überrascht gucken und dem König den Schwarzen Peter zuschieben.

 

3. Wir bezahlen nur die Seeleute, die den ganzen Weg bis nach London pilgern, um ihr Geld persönlich abzuholen.

Das nenne ich mal einen tollen Plan. Es ist viel weniger Verwaltungsaufwand, wenn man alles zentral regelt. Außerdem, wie viele Seeleute haben die Möglichkeit, aus ihrem Landungshafen den ganzen Weg bis nach London zu machen, um in dem ‚Pay Office‘ ihren Schuldschein vorzuzeigen?
So kann man sehr viel Geld sparen.

Historischer Hintergrund:
Der König hatte vom Parlament also verdammt viele Schulden geerbt. Der ausstehende Lohn war nur die Spitze des Eisberges, insgesamt waren es 1,25 Millionen (!) Pfund Schulden, die im Zusammenhang mit der Navy standen.
Zum Glück hatte der König einen Bruder, James. Der war zwar im französischen Exil Katholik geworden war, aber hey, niemand ist perfekt. Christliche Werte hinderten James zum Glück nicht daran, ein paar verdammt gute Ideen zur Kostensparung zu entwickeln, z.B. die Sache mit den Schuldscheinen.
Die meisten Seeleute konnten den Weg nicht auf sich nehmen, um ihren Lohn abzuholen. So entwickelte sich schnell ein neuer Geschäftszweig, nämlich den Seeleuten im Hafen ihre Schuldscheine abzukaufen – gegen einen saftigen Nachlass von 25-33 %. Wenn man den Lohn mehrerer Jahre einlösen will, ist das eine ganz schöne Summe, die man dem ‚pay ticket‘-Händler schenkt – aber, haben oder nicht haben. Wer nicht den ganzen Weg bis nach London auf sich nehmen konnte, dem blieb keine andere Wahl.
Das torpedierte den Plan des High Admiral James, da durch diese inoffizielle Stellvertreter-Einlösung mehr Schuldscheine abgegeben wurden, aber dafür haben wir ja den Navy-Hack 4.

 

4. Wir bezahlen nur, solange Bargeld vor Ort ist, und der Rest hat eben Pech gehabt.

Haben oder nicht haben – wenn kein Geld im Zahlungsbüro ist, dann kann man eben auch nichts ausgeben. Danke für Ihren Besuch, kommen Sie bitte morgen wieder. Und übermorgen. Vielleicht bekommen wir ja Nachschub, keine Ahnung.

Historischer Hintergrund:
Wie mein Freund so gerne sagen würde: das klingt so schlecht, als wäre es von einem Zwölfjährigen erfunden worden. Aber nein, es ist wahr. Die Seeleute, die extra nur für ihren Lohn diese Reise gemacht hatten, bekamen oftmals nichts ausgezahlt. Viele waren so verzweifelt, dass sie tagelang um das pay office herum lungerten oder entkräftet in der Gosse lagen, bis sie schließlich aufgaben.
Samuel Pepys war nicht nur berühmt für die Re-Organisation der Navy, sondern insbesondere sein verschlüsseltes Tagebuch (=es war nicht für die Veröffentlichung bestimmt –> authentischer). Er beschrieb solche Szenen z.B. am 17. Oktober 1665. Die stärkeren Naturen verfolgten ihn und seine Kollegen, um sie anzubetteln oder zu bedrohen (einige hundert Männer), die Entkräfteteren lagen im Rinnstein und verhungerten.

 

5. Outsourcing der Lebensmittel-Versorgung.

Scheu dich niemals davor, dir Hilfe zu suchen. Es ist viel zu aufwändig und kostenintensiv, die Versorgung der Flotte mit Lebensmitteln zu koordinieren, also bezahle Leute, die das für dich tun.
Und wenn die Seeleute sich über das Essen beschweren, ignoriere es, die beschweren sich eh über alles. Und übertreiben ohne Ende. Und falls nicht, dann ist es uns auch egal!

Historischer Hintergrund:
Die Angestellten im Navy Board beauftragten Agenten oder private Unternehmer mit der Lebensmittel-Versorgung der Flotte und kümmerte sich ansonsten nicht mehr darum.
Die Kapitäne ihrerseits unterstanden der Admiralität, einem formal ganz anderem Teil der Navy, so dass Klagen der Seeleute und vor allem die schriftlichen Eingaben ihrer Kapitäne über das Essen ins Leere liefen. Wenn die Admiralität versuchte, auf das Navy Board Druck zu machen, gab es eine Kontrolle, bei der die Übergabe eines klimpernden Beutels statt fand, und die Kommission kam überraschenderweise zu dem Ergebnis, dass das Essen top in Ordnung ist. Die Seeleute sollen mal lernen, Essen richtig zu lagern.
Und es änderte sich nix.
Übrigens: wenn man die Bakterien im Brot lange genug gären lässt, lösen sie dir die Haut von den Schleimhäuten im Mund. Es scheint sich so angefühlt zu haben, als würde man etwas Säurehaltiges essen.
Don’t try this at home!

 

6. Einen Krieg anfangen.

Krieg – immer eine gute Möglichkeit, um Geld an die Hand zu bekommen. Wenn man gewinnt, hat man keine finanziellen Sorgen mehr, und wenn man verliert, ehms, ja, dann auch nicht mehr. Aber man hat mit der gegnerischen Nation jemanden, dem man den Schwarzen Peter für die Misere zuschieben kann (das liegt ja nur an dem verlorenen Krieg! Nur weil die soviel geplündert haben oder der Krieg soviel gekostet hat, vorher war alles in Butter).

Und bei der königlichen Marine, die jede Art von Geldmitteln vom Parlament genehmigen lassen muss, ist schon die Mobilisierung ein Weg, etwas Geld zu bekommen.2

Historischer Hintergrund:
2,5 Millionen Pfund wurden für die Kriegsführung des Zweiten Holländisch-Englischen Krieges genehmigt. Das Geld wurde verwendet, um die seit Jahren ungenutzten Schiffe wieder seetüchtig zu machen und einige neue zu bauen, außerdem wurden die Schuldner ausgezahlt. Das meint aber nur Schuldner im professionellen Sinn und nicht im rechtlichen Sinn; die Seeleute bekamen ihre teilweise jahrelangen Außenstände immer noch nicht bezahlt. Die Aussicht auf Beute und die Erlaubnis, ihre Frauen an Bord mitzunehmen,war sicher ein Grund, warum sie dennoch bereitwillig kämpften.
Die Verzögerung spart natürlich wieder einmal Geld, denn tote Soldaten muss man nicht bezahlen. Die Witwen hatten zwar Anspruch auf den Sold und konnten mit dem pay ticket (sofern der Seemann schon eine bekommen hatte und das seiner Familie zukommen ließ) den ausstehenden Lohn einfordern – aber dann greift wieder unser Navy Hack 4. Pepys hat öfter, z.B. am 10. Juli 1666, beschrieben, wie Witwen im Pay Office aus den schon bekannten Gründen abgewiesen wurden.

 

7. Eine Seuche überleben.

Koinzidenz – wenn ein großer Teil unserer erfahrenen Seeleute wegstirbt, ist das natürlich sehr ungünstig, andererseits reduzieren sich damit die Schulden. Tote Menschen können kein Geld mehr fordern.
In unseren Computer-Spiel müsste man dann also in außenpolitisch stabileren Zeiten irgendwann den Ausbruch einer Seuche begünstigen, um seine Schuldenlast zu vermindern.

Historischer Hintergrund:
1665 bis 1666 wütete die letzte große Pest-Epidemie in England. Am 12. April 1665 wurde der erste Todesfall registriert, von da an ging es (insbesondere im Sommer) flott voran. Im September 1665 wurden 7.000 Tote pro Woche registriert. Insgesamt starben 100.000 Einwohner.
Menschlich ist das eine der großen Katastrophen der frühen Neuzeit. Wirtschaftlich gesehen enthob es viele der überlebenden Schuldner, nicht zuletzt die Krone, so einiger ihrer Zahlungsverpflichtungen.

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1 Wenn man sich ein bisschen da reinliest, wer wann aufgehört hat, die Seeleute zu bezahlen, zieht sich das durch das ganze Jahrhundert. Das Parlament war da um einiges engagierter und zahlungswilliger, hat auch einige andere Verbesserungen des Lebens auf See herbei geführt, die Geld kosteten, konnte letzendlich jedoch keine ausgewogene Bilanz vorweisen und musste auf diesen Spar-Hack zurück greifen.
Gerade um den Bürgerkrieg herum wurden die Navy immer wieder mit Versprechungen bezüglich ihrer finanziellen Situation und sowieso besserer Zahlungsmoral als der jeweilige Machthaber gelockt. Besonders Offiziere der Navy haben aktiv die Rückkehr der Stuarts herbei geführt, nur damit passieren konnte, was immer passierte: die Versprechungen konnten nicht gehalten werden, es gab wieder monatelangen Zahlungsverzug und irgendwann standen die Seeleute sogar wieder bei Null.

2 Selbstverständlich gibt es noch viele andere Gründe und Auslöser zur Kriegsführung, aber das Finanzielle ist immer ein angenehmer Neben-Effekt. Auf die eine oder andere Weise geht es bei Krieg fast immer um Geld, bei den Holländisch-Englischen Kriegen waren die Handelswege z.B. entscheidender Auslöser und damit gehts da auch wieder nur ums Geld.

3 Eigentlich durften die Frauen nur im Hafen an Bord sein, aber so mancher Seemann versteckte seine Lebenspartnerin oder frisch gefundene Gespielin unter Deck. 1666 wurden in der Vier-Tage-Schlacht relativ viele Frauen getötet, die gar nicht hätten an Bord sein dürfen (eine handfeste Zahl habe ich leider noch nicht gefunden.)

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