[Recherche] Don’t mess with the noblesse – warum die Piraterie im 17. Jh. gedieh

Vor einigen Tagen bin ich auf der Facebook-Seite des Britannia Magazine über einen Artikel zu Anti-Pirate-Kampagnen gestoßen. Die Artikel über die Stuarts von Andrea Zuvich schätze ich sehr. Dieser Artikel eines anderen Autors hat mich jedoch etwas unzufrieden zurück gelassen.
Er beginnt mit der Feststellung, dass der Frieden von Utrecht 1713 so viele Privaters arbeitslos zurück ließ.

Das klingt, als wäre es vorher ein regelrechtes Dienstverhältnis gewesen, in dem die Privateers ihre Pflichten gegenüber den Auftraggebern erfüllten und ihrer Kontrolle unterlagen. Die Realität sah vollkommen anders aus. Sobald ein Schiff auf See war, entzog es sich vollkommen der Kontrolle der einstigen Auftraggeber (einer der Gründe, warum Kidd, der keinerlei seinem Kaperbrief widerstrebende Taten beging, als Pirat diffamiert und aufgehängt werden konnte: in seiner Abwesenheit konnte man nur spekulieren, was er so trieb, und als er zurückkehrte, stand das Urteil fest).
Die Grenze zwischen Privateers, anderen Kaperfahrern und Piraten waren fließend.

Juristisch ist „Pirat“ keine feste Bezeichnung einer Person; man kann diese Brandmarkung nur auf bestimmte Taten anwenden.  Ein Mann kann im Rahmen seines Kaperbriefes in der Grauzone des Gesetzes handeln, beim nächsten Schiff der falschen Nation (z.B. der eigenen) ist er ein Pirat und wenn er erneut ein Schiff überfällt, das gemäß seines Kaperbriefes den Überfall als Kriegsakt rechtfertigt, ist er wiederum vom Gesetz geschützt.
Auch wenn man ihn wegen des vorigen Angriffs auf das „falsche“ Schiff dennoch aufknüpfen will.
Sofern es überhaupt dafür Zeugen gibt und sich die lokale Vertretung des Königs, also zumeist ein Gouverneur, darum schert.

Piraterie war nicht ein plötzliches auftretendes Problem der Karibik, das wie ein Virus im 18. Jahrhundert auftrat. Schon im 17. Jahrhundert gab es neben Männer, die mal so, mal so handelten, eine nicht unbeträchtliche Menge Kapitäne, die ausschließlich räuberische Akte ohne Rechtfertigung unternahmen.

Obwohl schon 1670 freibeuterische Akte seitens der Krone für illegal erklärt wurden und Piraten-Überfälle ein beständiges Problem waren, wurde nicht entschlossen gegen das Piratenwesen vorgegangen. Bei einem oberflächlichen Blick auf die Landkarte der Karibik und die Geschichte der Royal Navy scheint sich die Lösung darzubieten: es gab nur zwei Navy-Schiffe 1 , die in der Karibik patrouillierten und Piraten jagten. Diese hatten einen immensen Seeraum und ein unübersichtliches Wirrwarr an unbekannten Buchten und Verstecken zur Verfügung.

Tatsächlich spielt noch ein anderer Faktor stark hinein: Geld (mal wieder). Es gab eine Menge Leute, die von der offenen Piraterie profitierten und gar kein Interesse daran hatten, dass die Royal Navy entschlossen dagegen vorging.
Die prekäre Situation des frühen 18. Jahrhunderts ist keineswegs der plötzlichen Arbeitslosigkeit von 40.000 braven Privateers zu verdanken, sondern wurde in den vorigen Dekaden begünstigt.

1.) Zuwenig Mittel für die Royal Navy

Selbst wenn die großflächige Bekämpfung der Piraterie gewünscht worden wäre: die Royal Navy krankte im 17. und 18. Jahrhundert an chronischer Zahlungsunfähigkeit. In Friedenszeiten wurde die Navy drastisch verschlankt, denn es gab keine Mittel, um mehr Schiffe zu unterhalten. Die Navy der Restoration war besonders knapp bei Kasse: die Stuarts gehörten zu einer Dynastie, die durch eine Rebellion ins Exil getrieben wurde. Bei ihrer Rückkehr übernahmen sie Millionen Schulden ihrer Vorgänger (des Parlaments, das sich weigerte, den jährlichen Etat für die Navy zu erhöhen. Frisch wieder eingesetzten Königen darf man nicht zu starke Machtinstrumente an die Hand geben). Aber auch andere Gründe spielten eine Rolle (auf die finanzielle Misere in der Royal Navy bin ich in einem separaten Artikel schon einmal eingegangen).

2.) Don’t mess with the noblesse

Die englische Oberschicht hatte schon in Freibeuter investiert – da lag die Idee nahe, das auch das Piratenjagen ein einträgliches Geschäft war.
1699 fuhren einige Schiffe der Royal Navy auf Bitte der East India Company zur Piratenjagd aus. Aber an Madagaskar, der damaligen Piraten-Hochburg nach dem Untergang Port Royals, dem Unterschlupf eben der Piraten, die den Osthandel der EIC bedrohte – segelten vorbei. Die Investoren durften doch nicht um ihre Erträge gebracht werden! 2

3.) Vergleiche Risiko mit Gewinn….

Auch wenn die Navy einen klar umrissenen Auftrag zur Piratenjagd in einem relativ übersichtlichen Gebiet bekam – sprich: dem Mittelmeerraum – war das keine Garantie für die erfolgreiche Bekämpfung der Piraterie.
Ein Kapitänspatent der Royal Navy war mit beträchtlichen Kosten (nicht zuletzt Bestechungsgeldern) verbunden. Für einen Kapitän, zu Zeiten der Restoration in der Regel adliger Herkunft, gab es viele Wege, dies wieder herein zu wirtschaften. Sie konnten gegen Entgelt die Ladung eines Händlers befördern (anfangs war es ihnen auch erlaubt, selbst Handel zu treiben), oder bei größeren Ladungen einen Konvoi bilden und die Handelsschiffe beschützen. Hierfür bekamen sie bis zu 12 % des Handelswertes der Ladung ausbezahlt.
Wesentlich einträglicher und risikoärmer als die Jagd nach Piraten!
Samuel Pepys warf den Kapitänen vor, sie würden mit ihren Schiffen übermäßig viel im Hafen liegen und nach solchen Verdienstmöglichkeiten Ausschau halten. Die Kapitäne rechtfertigten sich mit Werftarbeiten, Reparaturen und so weiter.

4.) Stellvertreter-König

Die Gewalt der Krone wurde in den Kolonien von Gouverneuren repräsentiert. Diese hatten teilweise ganz andere Interessen als die Krone und stellten in den 1670ern Kaperbriefe aus, obwohl die Krone zu diesem Zeitpunkt eine völlig andere Devise ausgegeben hatte.
Doch die Gouverneure waren weitab vom Schuß, durch ihre adlige Herkunft mit einem gehörigen Selbstbewusstsein gesegnet und kochten ihr eigenes Süppchen. Auch an der Duldung von offener Piraterie konnte man so einiges verdienen: die Piraten zahlen Bestechungsgelder, um den Hafen nutzen zu können. Sie kurbelten die Wirtschaft an, da man ihnen vergleichsweise billige Konsumgüter wie Alkohol, Essen oder Wasser mit großer Gewinnspanne verkaufen konnte. Andererseits brachten sie rare Luxusgüter, die oft einem Handels-Embargo unterlagen, zu einem lächerlichen Preis (gemessen an dem legalen Verkaufswert) an den Mann.
Viele Gouverneure luden bekannte Piratenkapitäne offen zu sich zum Essen ein und verkehrten mit ihnen auf gesellschaftlicher Ebene. Dies ging sogar so weit, dass sie sie in ihre Familie einheiraten ließen. 3
Manchmal fiel ein König pro forma jedoch unerwartet tief: während Henry Morgan sich in England frei bewegen durfte und Kontakte zum örtlichen Adel knüpfte (der sich später dafür verwendete, die Übertretung seiner Befugnisse gnädig zu betrachten), lebte der Gouverneur Sir Thomas Modyford zwei Jahre auf Staatskosten im Tower of London.
Henry Morgan kehrte als Sir Henry in die Karibik zurück.

William Kidd, der sich buchstabengetreu an seinen Kaperbrief hielt, wurde in England zum Piraten stilisiert und nach seiner Rückkehr hingerichtet.
Henry Morgan, der gegen das 1670 erlassene Dekret des Königs verstieß und Raubzüge in Panama unternahm, die von der spanischen Regierung als kriegerischer Akt eingeordnet wurden und erhebliche diplomatische Probleme hervor riefen – wurde in den Adelsstand erhoben und als Vize-Gouverneur nach Jamaika zurück geschickt.
Recht und Gesetz war in der Karibik kaum mehr eine Richtlinie; Einfluß, Geld und eine gehörige Portion Glück entschieden, ob man als Freibeuter, Pirat oder Kriegsverbrecher galt. Die Beziehung zum Adel war von größter Wichtigkeit und entschied, ob man als Pirat oder Held in die Geschichtsbücher einging.

 

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1 J.D. Davies, „Gentlemen & Tarpaulins: The Officers and Men of the Restoration Navy“, Oxford Historical Monographs, Clarendon Press, 1991, p.12

2 Robert Bohn, „Die Piraten“, Beck’sche Reihe, Verlag C.H.Beck, 3. verbesserte Auflage 2007, S. 73

3 Pikanterweise liegt mein namentlich bekanntes Beispiel, Christopher Cordent, zeitlich im 18. Jahrhundert, in der Phase, über die der Artikel im Britannia Magazine spricht. Cordent betätigte sich bis 1721 mehr oder weniger offen als Pirat. Wenn die Heirat eines rehabilitierten Piraten da immer noch gesellschaftsfähig war, kann man sich ausrechnen, dass in den Lücken unserer Quellen im 17. Jahrhundert auch die eine oder andere Vermischung solcher gesellschaftlicher Schichten steckt.

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