[Gastartikel] Atir Kerroum, „Wie das Imperium Romanum zur Dystopie wurde“

Dieser Blog und meine Projekte zeigen mein großes Interesse an historischen Zusammenhängen. Auch über Quelleninterpretation und -darstellung habe ich schon gebloggt. Daher freue ich mich sehr, heute einen Gastartikel von meinem Kollegen Atir Kerroum (Die Hexe von Kentigern, Machandel-Verlag) zu posten.

Atir spürt dem Begriff der Dystopie nach, der urspünglich aus der griechischen Philosophie stammt, und zeigt, dass das ausgehende römische Reich der perfekte Schauplatz für einen negatuven Zukunftroman wäre. Wer findet die meisten Übereinstimmungen mit dystopischen Romanen?

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Paenitemini et credite Evangelio!

Wie das Imperium Romanum zur Dystopie wurde
von Atir Kerroum

 

Die Dystopie („schlechter Ort“) ist ein Unrechtsstaat, in dem eine Bevölkerungsmehrheit die eigene Tyrannei, Unterdrückung und Ausbeutung wie das Evangelium verehrt. Widerstand gegen die kollektive Massenpsychose ist sinnlos. Wer dem Volk Krieg als Frieden, Freiheit als Sklaverei und Unwissenheit als Stärke verkaufen kann, braucht selbst demokratische Wahlen nicht zu fürchten.

Totalitarismus ist keine Erfindung der Neuzeit. In der „Politeia“ diskutiert Platon einen gendermaingestreamten Idealstaat ohne Eigentum, Familie und Geschlechterrollen. Philosophen und Künstler indoktrinieren die Bürger*innen. Ob die solcherart Beglückten die schöne neue Welt wollen, fragt Platon nicht. Aufrechterhalten wird die vermeintliche Utopie durch Indoktrination, Propaganda und betreutes Denken. Wer nichts von Eigentum weiß, wird nichts begehren. Wer niemals liebte, wird die Liebe nicht missen. Wer nur Sklaverei kennt, wird sich frei glauben. Die Dystopie löscht Alternativen aus, bevor sie gedacht werden können.

Und die Dystopie will geliebt werden. Sie verbreitet nicht den Tyrannenruf „oderint dum metuant – sollen sie mich hassen, wenn sie mich nur fürchten!“, sondern die Botschaft der Bergpredigt: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“(Markus 1,15)

Wer würde das (metaphorische) Reich Gottes in Frage zu stellen? Gehirnwäsche ersetzt Argumente durch Gefühle und macht Dogmen zu emotionalen Wahrheiten. Die Opfer einer Dystopie sind am wenigsten imstande, ihr Schicksal zu erkennen.

Das Imperium Romanum des 1. und 2. Jahrhunderts war liberal orientiert. Es gab eine freie Marktwirtschaft, eine Fiat-Währung, eine Modernisierung der Geschlechterrollen und natürlich Religionsfreiheit. Im 3. Jahrhundert ging die alte Ordnung in einer Krise kataklystischen Ausmaßes unter: Staatsbankrott, Hyperinflation, Seuchen, Barbareneinfälle, Sezessionen, Bürgerkriege. Im nachfolgenden 4. Jahrhundert erfand sich Rom neu. Das Christentum würde dem Imperium das Heil bringen und wurde zur Staatsreligion. Die Untertanen glaubten, dass die Worte Jesu nun wahr geworden wären und das christliche Imperium Romanum das Reich Gottes auf Erden sei. Als Stellvertreter von Christus Pantokrator geboten die römischen Kaiser über den Erdkreis. Man wähnte sich am Ende der Geschichte, im finalen Staat, auf den nur noch das Weltgericht folgen konnte.

Die Untertanen von diesem Unfug zu überzeugen, war nicht schwierig. Die Spätantike war eine real existierende Fantasy-Welt. Götter lenkten die Geschicke des Staates und wundertätige Heilige erweckten Tote. Die Zivilisation, die das Planetengetriebe erfunden und die Integralrechnung entdeckt hatte, verfolgte Dämonenbeschwörer, Wahrsager und „mathematici“ mit der Todesstrafe. Für die Untertanen des Gottesstaates hieß es: „Paenitemini et credite Evangelio!“ Tut Buße und glaubt an das Evangelium! Missernten, Seuchen, Naturkatastrophen, Barbarenraubzüge, verlorene Schlachten – alles wurde als Strafe Gottes für mangelnden Glaubenseifer gedeutet.

Wer sich nicht zum katholischen Glauben bekennen wollte, musste dumm und verrückt sein. Die Wahrheit war unbestreitbar und auf allen Konzilien bestätigt worden. Der Homosexuelle, der Zauberer, der Apostat, die Ehebrecherin – gemeingefährliche Verbrecher bedrohten „alle Völker, die die besonnene Führung unserer Sanftmut lenkt“. Es wurde gefoltert, gekreuzigt, kastriert, verstümmelt, gesäckt, geköpft, verbrannt, wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen, Kehlen wurden mit flüssigem Blei gefüllt, Zauberer auf den Scheiterhaufen gebracht. Vom Hadrianswall bis zum Nilkatarakt, von Gibraltar bis zum Euphrat wurde das Wort Gottes vollstreckt.

 

Unwissenheit ist Stärke

Noch immer erarbeiteten die 70 Millionen Einwohner des Imperiums einen astronomischen Wohlstand. Er wurde abgeschöpft und an die Eliten umverteilt, namentlich die Hand voll Senatorenfamilien, die 0,001 % der Bevölkerung stellten. Die Städte schrumpften und verarmten. Als Folge von Steuerexzessen, Planwirtschaft und Feudalisierung herrschten Inflation, Güterknappheit und Arbeitskräftemangel. Verfall und Niedergang regierten. An die Stelle der stolzen Legionen traten hastig angeworbene Barbaren. Die Jurisprudenz degenerierte zur Laienjustiz. Das Bildungswesen erodierte. Die Christen befassten sich mit dem Wissen der Antike nur, um es theologisch zu widerlegen. Die Wahrheit stand in der Bibel, heidnische Bibliotheken konnten dem Feuer überlassen werden. 500 Jahre, nachdem Eratosthenes den Erdumfang berechnet hatte, war die Erde wieder eine Scheibe und Gesundbeten eine anerkannte Heilmethode.


In hoc singo vinces semper

Das Labarum (Feldzeichen mit Christogramm) wurde wörtlich verstanden. Hinter den Legionen marschierte Jesus Christus. Für einen frommen Kaiser zog das Heer der Engel in die Schlacht. Rom und das Christentum waren die einzig denkbare, ewige Weltordnung. Dabei ließ die reale Wehrkraft stark nach. Waffen waren den Untertanen verboten. Wer sich gegen die Barbaren verteidigen wollten, brauchte eine kaiserliche Genehmigung. Der Soldatenberuf war verhasst und eines freien Mannes unwürdig. Rekruten wurden den Landbesitzern als Steuerleistung abgepresst, in Ketten gelegt und mit Tätowierungen markiert. Wehrdienstverweigerern drohte die Exkommunikation, sogenannten murci, die sich den Daumen abhackten, der Scheiterhaufen. Trotzdem lichteten sich hinter dem Labarum die Reihen. Angeworbene Hunnen und Germanen sollten das Reich Gottes verteidigen.

 

Freiheit ist Sklaverei

Im Reich Gottes sollte Planwirtschaft (!) die Produktion ankurbeln und die Steuereinnahmen erhöhen. Jeder Mann und jede Frau war erfasst, jede Landparzelle vermessen, alles Vieh gezählt. Steuern mussten in Naturalien geleistet werden: Feldfrüchte, Tiere, handwerkliche Erzeugnisse, Hand- und Spanndienste, Straßenbau, Einquartierungen, Militär- und Frondienste. Wer nichts hatte, wurde ausgepeitscht. Eltern schickten ihre Kinder in die Prostitution, um die Steuern zu „verdienen“. Jeder Untertan musste den Beruf des Vaters ergreifen, damit drückende Steuern, horrende Abgaben und maßlose Frondienste aus ihm herausgepresst werden konnten. Wohnsitz, Löhne und Preise wurden dekretiert. Als freie Pächter mit den Füßen abstimmten, erklärte das Gesetz sie zu Leibeigenen. Örtliche Honoratioren wie „Bürgermeister“ (sog. duumviri), Grundbesitzer oder Zunftmeister hafteten für alle Steuerschuldner mit ihrem Privatvermögen. Nie wurden Steuern eifriger eingetrieben. Großgrundbesitzer unterhielten Privatarmeen, die Land raubten und flüchtige Kolonen jagten. Der Rechtsweg war natürlich ausgeschlossen. Leistungsträger wie Senatoren, Beamte und Kleriker genossen umfassende Privilegien. Viele zogen die Sklaverei dem Bürgerrecht vor. Als die Sklaven der heiligen Melanie gegen ihre Freilassung rebellierten, klagte der Kirchenvater Hieronymus, der Teufel sei in sie gefahren, um die Heilige an ihre Besitztümer zu ketten.


Moralischer Bankrott

Bauchgefühl, gesundes Volksempfinden, Kadi-Justiz und Gefälligkeitsurteile verdrängten das überkommene römische Recht. Zwischen dem Gesetz für die Armen und dem für die Reichen lagen Lichtjahre. Für die selben Vergehen richtete man die Kleinen bestialisch hin und verlieh den Großen Ehrentitel. Korrupte Statthalter boten Schutz vor Barbaren nur gegen Vorkasse. Wer sich darüber beim Kaiser beschweren wollte, wurde nicht vorgelassen. Die absolute Macht des Kaisers endete an der Kanzleitür.


Germanophobie

Die wilden Germanen galten als der natürliche Feind der zivilisierten Welt. Auf die Eheschließung mit Barbaren stand ab 370 die Todesstrafe. Der Germane war habgierig, langhaarig, arbeitsscheu, hinterhältig und treulos. Barbaren den Schiffbau zu lehren, wurde mit dem Tode bestraft. Wer ihnen nur Waffen verkaufte, kam mit Bergwerksarbeit davon. Trotzdem nahmen die Kaiser immer mehr Germanen in Sold und bewaffneten sie. Germanische Heermeister betätigten sich als starke Männer und Kaisermacher. Ein Kleideredikt schützte Rom vor Überfremdung: Keine Hosen, keine Pelze, keine langen Haare! Nach Stilichos Hinrichtung erschütterten Progrome Italien.


Propaganda

Man lebte in der besten aller Welten. Im Reich Gottes sind Reformen denklogisch ausgeschlossen.

Während die Barbaren an die Stadttore klopften, führte die kaiserliche Kanzlei Purpurtinte ein. Auf Münzbildern inflationierten die besiegten Barbaren. Glaubt man dem Panegyriker Claudian, ermöglichte erst die Übermacht Roms die Preisgabe der Rheingrenze. Überkommene römische Werte wurden als Worthülsen neue aufgeladen. Der totalitäre Unrechtsstaat nannte sich „Republik“ und verteidigte die römische „Freiheit“ gegen „Tyrannen“ (gemeint sind Rebellen) und Barbaren.

 

Bonus: Brot und Spiele

Die Stadt Rom war die Mutter aller Filterblasen und surreales Modell eines Wohlfahrtsstaats, der alle Werte einschließlich des selbstständigen Denkens dem Konsum geopfert hat. 87.000 Zuschauer soll das Kolosseum gefasst haben, 385.000 der Circus Maximus. Ein Kanal verband die Millionenstadt mit dem Hafen Portus Augusti, wo Korn aus Afrika und Waren aus dem ganzen Imperium angelandet wurden. Rom selbst produzierte – nichts. Während das Reich Gottes ein Viertel der Weltbevölkerung knechtete und ausbeutete, diente die gesamte Infrastruktur der urbs alleine dem Betrieb eines kollektiven Freizeitparks, in dem Arm und Reich hemmungslos dem Vergnügen frönten. Hier gab es keine Krise. Venatoren und Gladiatoren töteten zur Volksbelustigung. Wagenlenker waren Superstars. Hunderttausende staatlich alimentierte Müßiggänger empfingen öffentliche Lebensmittelzuteilungen als bedingungsloses Grundeinkommen. Nie war käuflicher Sex billiger als im alten Rom. Die Ärmsten der Armen, schrieb Ammian um 390, verbrächten Tag und Nacht in Tavernen, bei Huren, beim Glücksspiel und bei Wagenrennen. Niemanden kümmerte, woher das Getreide kam und wie die Spiele bezahlt wurden. Bei Missernten zündete der Mob den Senatoren die Paläste an.

Der Parasit starb mit dem Wirt. Trotz Hunderttausender wehrfähiger Männer fiel Rom kampflos. Der Zerfall des Imperiums beendete das süße Leben. Die Bauern Afrikas, denen Rom das Getreide als Steuer abgepresst hatte, rührten keinen Finger, als die Vandalen handstreichartig Karthago einnahmen. In den folgenden 100 Jahren verlor Rom 97 Prozent seiner Einwohner. Die Gebliebenen hausten zwischen den gigantischen Ruinen wie in einem Endzeitfilm.


Von der Realität eingeholt: Das Ende einer Dystopie

Die Plünderung Roms sandte Schockwellen durch die Welt. Die Realität hatte das Narrativ Lügen gestraft. Augustinus löste die eschatologische Identitätskrise: Er verlegte das Reich Gottes in die Transzendenz. Das Imperium mochte untergehen, das Reich Gottes stand noch bevor. Gute Nachrichten auch für die Opfer: Die Toten seien von ihren irdischen Leiden erlöst und die Lebenden von der Last materieller Besitztümer befreit worden. Halleluja! Es gab auch weltliche Möglichkeiten: Geschäftsmänner kauften den Germanen gefangene Römer als billige Arbeitskräfte ab. Korrupte Statthalter trieben Flüchtlinge auf die Sklavenmärkte. Rechtliche Konsequenzen: keine.

Paralysiert und unfähig, den germanischen Eroberern etwas anderes entgegenzusetzen als germanische Söldner, löste sich das Imperium sukzessive auf. Als die Untertanen erkannten, dass Rom nicht das Reich Gottes und nicht die einzige mögliche Weltordnung war, brach das System zusammen.
Es hatte sonst nichts zu bieten.

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6 Antworten auf [Gastartikel] Atir Kerroum, „Wie das Imperium Romanum zur Dystopie wurde“

  1. Pingback: Braucht die Welt eigentlich noch Helden? | Der Stern von Erui

  2. Pingback: Fantasy, aber bitte mit echten Figuren - Janna Ruth

  3. Eluin sagt:

    Eine sehr interessante Betrachtung. Da seh ich mal wieder: alles wiederholt sich. Also warum sollten dann Dystopien und Fantasyromane (von der Magie und fremden Rassen mal abgesehen) unrealistisch sein? Mit lebendigen Charakteren in Graustufen und einer Welt, die durchaus existieren könnte – wie die Geschichte zeigt – ist phanastische Literatur für mich eines der wenigen Genres, die über den Tellerand unserer eigenen Welt hinaussehen. Wirklich interessant nun diese Sicht über das römische Reich zu lesen. Ich habe zwar hier und da Hintergrundwissen durch Lateinunterricht usw. allerdings habe ich es so noch nie gesehen. Sehr spannend. Danke für den Einblick!

  4. Windsprite sagt:

    Allerdings finde ich die Reihenfolge vertauscht… Das mit dem Brot und den Spielen kam ja vor dem dystopischen Gottesreich in dem ja die Hetzjagden und Spiele verboten wurden o.O

    • Atir Kerroum sagt:

      Es gab keine Reihenfolge. Es war einfach nur so, dass das Reich Gottes an der Aurelianischen Mauer endete. (Der Vatikan liegt außerhalb) Beide Teile des Aufsatzes befassen sich mit der selben Epoche. Das Nebeneinander beider Welten scheint die Denkgesetze zu verletzen. Aber Dystopien sind surreal.
      Wirklich verboten wurden die Spiele im Westen nie. Bis in die 430er Jahre sind Gladiatorenkämpfe nachgewiesen. Wahrscheinlich hatte man bald darauf aber weder Geld noch Lust, um große Spiele zu veranstalten.

  5. Eine sehr faszinierende Betrachtung… Da juckt es mich mal wieder in den Fingern, eine Romanidee aufzugreifen, die ich vor einer Ewigkeit hatte und die Platons Staat als Dystopie aufzieht.
    Und eine neue Idee, die auch was mit Rom zu tun hat… Auf alle Fälle ein Artikel, bei dem die Plotbunnys loshoppeln.

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