Military Fantasy und die Entglorifizierung des Krieges

Dieser Artikel ist Teil unserer Blog-Reihe „Phantastische Realität“.

Kriegerische Fantasy – eine Männerdomäne?

Militärische Phantastik gilt als Männerdomäne – vor allem bei Menschen, die dieses Genre nicht lesen oder mit Phantastik nichts am Hut haben. Da geht es doch nur um Gewalt und Gemetzel, das ist nichts für Frauen! Ebenso wie bei Cornwells Saxon Chronicles liest man in Rezensionen oder Reaktionen, dass „wir Frauen“ mit solcher Literatur nichts anfangen könne. Männerliteratur eben. Nachdem Fantasy die fürchterlichen Cover mit den fast nackten Frauen überstanden hat, sollte man doch meinen, das Subgenre nicht mehr so stark gegendert sind.
Der militärischen Phantastik vorgeschritten ist die Sword and Sorcery, die in den 70ern und 80ern auch von Frauen erobert wurde. Die meisten kennen sicherlich die Anthologien von Marion Zimmer Bradley im Fischer Verlag mit diesen kitschigen „(…)-Schwester“-Titeln.(Im englischen Original heißt es nur „Sword and Sorceres I“ usw). Frauen waren als Autoren und Leser auf dem Vormarsch, wobei sich die die meisten (wie auch Marion Zimmer Bradley) von dem Begriff „feministische Fantay“ innerhalb dieses Subgenres streng distanzierten.
Wenn man jedoch mit politisch aktiven Leuten oder älteren Menschen spricht, wird das Lesen und Schreiben dieser Subgenres unabhängig des Geschlechtes in Frage gestellt.

 

Verherrlichung oder Entglorifizierung?

Viele dieser Subgenres legen großen Wert auf Realismus oder orientieren sich gleich an historischen Ereignissen. Chris‘ Evans „Elfen wie Stahl“-Reihe soll viele Anspielungen auf das napoleonische Militär bieten (laut einer Rezension, die ich mal auf Amazon gelesen habe). Da mein Wissen über diese Zeit eher durchschnittlich und über die militärische Ausrüstung und Uniformcodes ungefähr gleich Null ist, konnte ich diese Aussage bisher nie verifizieren. Wenn ich jemals einem Experten für das napoleonische Heer begegne, muss ich meine Exemplare von Evans‘ verleihen. Dafür nehme ich auch in Kauf, falls ich sie zum zweiten Mal nachkaufen muss.
Gerade dieser Realismus rückt die Genres jedoch schnell in die Metzel-Ecke. Weil man sich nicht mit geschönten Darstellungen begnügt, wie man sie zumeist in Nationalgalerien antrifft, wird schnell vorgeworfen, die Genres würden Gewalt verherrlichen, weil sie die dreckigen Details nicht weglassen.
Da kommt die Frage auf: darf man das? Darf eine Generation, die keinen Krieg mit erlebt hat, überhaupt derart über den Krieg schreiben?
Vielleicht geht es nicht nur mir so: wenn ich mich als Leser oder Plotter derartiger Phantastik geoutet habe, werden mir solche rhetorische Fragen als k.o.-Argument entgegen geworfen.
Aber niemand verlangt von einem Autoren, einen Mord zu begehen, bevor man über einen Krimi schreiben kann. Niemand wirft dem Autor vor, einen Mörder erfunden zu haben, der das Leben seines Opfers als wertlos betrachtet.
Ohne sich auch nur damit auseinander zu setzen, wird oft vorschnell von Außenstehenden angenommen, eine unreflektierte oder glorifizierende Behandlung des militärischen Themas wäre vorherrschend. Dabei ist es in der Regel das genaue Gegenteil.
Die meisten Military-Fantasy-Werke stammen aus Amerika, dem Industrieland, das sich so ziemlich als Letztes eine gute Versorgung für Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen etabliert hat. Bei einem Land, in dem an High-Schools für die Armee rekrutiert wird, indem man an den Patriotismus appelliert, ist es kein Wunder, das Fantasyliteratur entglorifiziert und die Rechtfertigung von Kriegen auslotet.
In Deutschland wird Krieg eher unter der Decke gehalten. Als deutsche Bundeswehrsoldaten erstmals seit derm Zweiten Weltkrieg aktiv in Kampfhandlungen eingesetzt wurden, war die Berichtserstattung sehr zurückhaltend. Gefallene Soldaten, die in anderen Ländern mit großen Feiern für ihr Opfer geehrt werden, schafften es in Deutschland nicht einmal in die Schlagzeilen. Wir nehmen an einem Krieg teil, aber das darf der Bevölkerung nicht den Eindruck vermitteln, das dabei Menschen sterben.
Und gerade in einer Zeit, in der eine Generation so voller Unwissen über ihre Vergangenheit aufwächst und sich von Falschaussagen blenden lässt, kann man Krieg in der Literatur ruhig so darstellen, wie er ist.

 

Entmenschlichung

Die aus strategischer Sicht wichtigste Aufgabe bei der Ausbildung von Soldaten ist die Entmenschlichung des Gegners. Erst wenn ein Soldat aufhört, sich mit diesem zu identifizieren, kann er sich auf seine Aufgabe konzentrieren, und einfach auf eine fremde Uniform schießen oder einstechen. Dieser Prozeß wird in der Phantastik teilweise kritisch aufgegriffen, wenn sich ein Buch oder Film sich stärker auf einen Rekruten fixiert.
Tobias O. Meißners „Die Soldaten“ beschäftigt sich mit einer Gruppe Rekruten im Grenzland, denen das Wissen um die Unterlegenheit und Minderwertigkeit ihrer Feinde anerzogen wurde. Falls jemand dieses hervorragende und vielschichtige Buch noch nicht gelesen hat, erzähle ich lieber nicht mehr über den Inhalt. Das Buch lässt die Leser oft gespalten zurück und in vielen Rezensionen findet man die Frage „Was will er denn damit aussagen?“ Ich persönlich sehe recht starke Anspielungen auf die deutsche Geschichte. Aber das Buch enthält keine zu starken Hinweis oder moralische Zeigefinger, es ist relativ offen zur Interpretation.
(Ein wirklich gutes Buch. Lesen Sie es!)
Auch außerhalb des Militärs ist wird dieser Mechanismus der Entmenschlichung genutzt: in allen Teilen der Gesellschaft, in denen Feindbilder benutzt werden. Nachrichten und vor allem Stammtische sind geflutet mit pausachalen Schuldzuweisungen.
„Die Juden sind unser Verderben“, hat man unseren (Ur-)Großeltern als Schulkinder beigebracht. Klingt das nicht ganz ähnlich wie das, was auf Facebook und Twitter über den Bildschirm flimmert? Gestern wurde mir in meiner Timeline ein Beschwerdebrief eines Mannes verlinkt, der einer Freizeiteinrichtung übel nimmt, dass sie Flüchtlingen freien Eintritt gewährt hat.
Man könnte fürchten, dass die Geschichte wiederholt sich.

 

Individualismus

Aber bei aller Liebe zu realen Bezügen, die meisten Autoren planen zuerst einen interessanten Konflikt oder eine zwiegespaltene Figur. Unsere Bücher tragen in der Regel eine Botschaft, aber das ist nicht ihr einziger Selbstzweck. Bei allem Mehrwert schreiben wir vor allem Unterhaltungsliteratur.
Für eine solche Planung bietet sich das Militär als Schauplatz auch einfach an: eine strenge Doktrin, relativ einheitliche Werte und Ziele. Der ideale Hintergrund, um den Helden zweifeln zu lassen: ist das richtig? Stehen unsere Feinde wirklich auf der anderen Seite der moralischen Linie, nur weil uns das immer vorgebetet wird?
Eine militärische Hauptfigur kann an ihren Überzeugungen zweifeln, steht vor der Wahl, ob sie sich alleine gegen die Gesellschaft auflehnt. Wenn alle um mich herum anders als ich empfinden – dann muss das doch richtig sein, oder? So viele Menschen können sich nicht irren.
Ein gutes Beispiel (wenn auch nicht mit so unschuldigen Figuren) ist die Black Company Reihe von Moorcock, in dem die paramilitärischen Hauptfiguren sich fragen müssen, ob sie auf der richtigen Seite stehen.
Und abseits aller Knochenbrüche, Blut, Schmerz und Gewalt ist das der springende Punkt: selbst wenn jeder anders als ich denkt, muss das nicht richtig sein. Selbst wenn eine unantastbare Autorität eine Meinung vorgibt, muss ich dieser nicht folgen. Selbst wenn Tradition und Erziehung mich in eine bestimmte Richtung drängen, muss ich inne halten und hinterfragen, ob es richtig ist.
Gute Military Fantasy schafft das. Deswegen lese und schreibe ich es, obwohl ich eine Frau bin, und ein Mensch, der zum Glück niemals einen Krieg erlebt hat.

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9 Antworten auf Military Fantasy und die Entglorifizierung des Krieges

  1. Sylvia Rieß sagt:

    Ein toller Artikel. Und dein Vergleich gefällt mir.
    Ein Krimi-Autor kann/darf/muss auf möglichst brutale Art und Weise morden, darf mit seinem Täter ein Wesen schaffen, dass Menschlichkeit und Unmenschlichkeit vereint und niemand wird ihn fragen: Hattest du selbst schon mal Mordphantasien?
    Bei der Phantastik ist das immer gleich ein Vorwurf.

    Der zweite Abschnitt hat mich dann übrigens wieder an die Worte meines Großvaters erinnert: „Ich hatte im Krieg keine Feinde. Ich hatte nur Gegner, weil ich dazu gezwungen wurde.“ Ein Satz, der mich sehr früh geprägt und für das Thema sensibilisiert hat.
    „Stell dir vor es ist Krieg – und keiner geht hin.“

    Als Subgenre hat es gewiss Daseinsberechtigung und nein, es ist nicht nur ein Männergenre. Überhaupt findet dieses strikte Trennung auch nur hier im deutschsprachigen Raum so krass statt. Hab ich zumindest das Gefühl. Ein männliches Pseudonym würde Wunder bewirken – hat mir mal wer für meinen Stern geraten.
    Aber dann ändert sich ja nachts an der Denkweise.

    Vielen Dank für den Artikel. 🙂

    • Sylvia, Dein Großvater ist/war ein kluger Mensch.

      Meara, schöner Artikel. Und meiner Ansicht nach kann man den Krieg gar nicht genug entglorifizieren. Krieg ist der hirnverbrannteste Schwachsinn, den sich die Menschheit je ausgedacht hat.

    • Elea sagt:

      Zitat: „Aber dann ändert sich ja nachts an der Denkweise. “

      Genau deswegen würde ich definitiv auf ein männliches Pseudonym verzichten. Der gemeine Leser macht sich ja nicht die Mühe, nachzuforschen, ob der Name auf dem Cover ein realer oder ein Psyeudonym ist. Insofern kommt der Aha-Effekt möglichererweise sowieso nicht zu tragen, und schlimmstenfalls fühlen sich die Leser am Ende veräppelt, wenn bei der Lesung eine Frau auftaucht ;).

      Wichtiger finde ich, einfach über die Themen auf die Weise zu schreiben, wie man es für richtig hält. So wie wir es ja auch machen. Irgendwann wird sich der Hirnknoten bei den Leuten schon lösen – hoffe ich. 😉

      • @Elea Ich habe mir immer gedacht: sollte ich jemals aus einem Military Fantasy Werk lesen, komme ich demonstrativ in einem wallenden Kleid. 😀

        @Eluin Ich mache es wirklich nicht absichtlich! Aber in der Regel haben Kampfszenen bei mir einen Mehrwert. Sie zeigen entweder ein eingespieltes Team oder Misstrauen zwischen den Figuren. Sie transportieren Hintergrundinformationen, dass eine Figur sich auf einem gerechten Kreuzzug sieht (und ggfs. auch Andeutungen, weswegen, z.B. als Vergeltung für einen Massenmord). Oder ich hatte mal eine Reihe über einen Söldner angefangen, der alle Merkmale eines guten Kriegers erfüllt, auch charakterlich. Vielleicht hast Du die Forumsdiskussion bezüglich Krieg und posttraumatische Belastungsstörungen verfolgt – ein „guter“ Krieger heisst im Endeffekt, dass er über eine antisoziale Persönlichkeitsstörung verfügt. Ob man es jetzt mit Dexter Morgan vergleicht oder sich an Zeitungsartikel über Serientäter erinnert fühlt: die Art und Weise, auf die eine Kampfsituation ihn beeinflusst, ist definitiv unnormal. Kein Adrenalin, keine große Aufregung, keine Ängste.
        Und genau diese Merkmale, die ihn zu so einem guten Krieger machen, trennen ihn von seinen Mitmenschen. Und das ist das zentrale Thema: irgendwie sucht er Anschluß, aber andere Menschen seiner gesellschaftliche Klasse empfinden Angst oder Abscheu vor ihm.

        Auch bei den Anfängen des Genres schwingen noch andere Elemente mit, z.B. Zivilisationskritik.

  2. Elea Brandt sagt:

    Sehr schöner Artikel, spricht mir in weiten Teilen aus der Seele! 🙂

    Ich finde, auf persönlicher Ebene bieten sich im Military Fantasy total viele spannende Konflikte an: Hierarchien, Beziehungen, Pflicht, Konformität, Mobbing, Zusammenhalt. Das sind alles Punkte, die Menschen auch im Alltag erleben, z.B. im Job oder in der Ausbildung. Da wird man dann Gott sei Dank nicht hingerichtet, wenn man aufmuckt, aber die Konsequenzen können trotzdem sehr, sehr unangenehm sein.

    Ich zitiere übrigens im Zusammenhang mit „Warum schreibst du denn über so was?“ immer ganz gerne Maxim Gorki: „Man muss nicht in der Bratpfanne gelegen haben, um über ein Schnitzel zu schreiben.“ 😉

    LG Elea/Lothen

  3. Vielen Dank, ihr Beiden!

    Ich habe mal ein Jugendbuch gelesen (leider weiß ich den Titel nicht mehr), das streng genommen auch in das Feld der Phantastik fallen würde. Ein Bürgermeister oder so etwas Ähnliches erklärt alle Rothaarigen für minderwertig. Es folgen verschiedene Maßnahmen, die diese benachteiligen und vertreiben sollen. Die Heldin der Geschichte hat eine Großmutter, die die Entwicklungen sehr misstrauisch betrachtet und ganz verzweifelt murmelt „Das kommt mir alles so bekannt vor…“
    Dieser Satz wurde dann im Nachwort aufgegriffen und den Kindern eben das Thema „Nationalsozialismus“ nahe gebracht.

    Wenn einem dann im Alltag oder in Social Media gehäuft Beispiele begegnen, dass 15-25jährige absolut keine Ahnung von der Vergangenheit ihres Landes haben, und danach mal durch die Twitter-Timeline scrollt… liegt mir auch immer dieser Satz auf der Zunge.

    Manchmal könnte man fast glauben, dass Geschichte sich einfach zyklisch wiederholt.

  4. Pingback: Fantasy, aber bitte mit echten Figuren - Janna Ruth

  5. Eluin sagt:

    Ich finde, dass „typisch Mann“, „typisch Frau“ eh überholt ist. Deshalb denke ich auch, dass Militärische Phantastik bei beiden Geschlechtern Anhängern finden kann. Alles weitere ist eh eine Geschmacksfrage.

    Spannend finde ich deine Frage: Darf eine Generation, die keinen Krieg mit erlebt hat, überhaupt derart über den Krieg schreiben?
    Meine Antwort: Ja! Wer von uns war schon auf dem Mars – und doch wird darüber geschrieben. Oder gibt es Überlebende aus Atlantis? Wie oft waren wir schon auf Pandora oder sonstewo im All. In der SciFi wird diese Frage selten gestellt. Ebenso wenig in Liebesromanen (oder wie viele Autoren können wirklich von sich behaupten, eine Dreicksbeziehung oder was auch immer gehabt zu haben) usw. – Da stimme ich dir absolut zu!

    Auch deine Fragen, die den Helden zweifeln lassen sind interessant. Bislang haben mich Kampfbeschreibungen und Co. einfach abgeschreckt. Die Gewalt an sich stört mich weniger (mögen tue ich sie dennoch nicht), sondern ich finde Kämpfe einfach langweilig. Mir ist Charakterentwicklung sowie Weltenbau mit Plot wichtig. Aber womöglich, kann sich das ja auch in einer Kriegsszene oder in einem Zweikampf wiederspiegeln.

    @Sylvia Rieß der Satz von deinem Großvater geht unter die Haut. Ich finde, er ist sehr wichtig. Danke fürs teilen.

    @Sascha Raubal Ich bin ganz bei dir mit deiner Meinung.

  6. „Da kommt die Frage auf: darf man das? Darf eine Generation, die keinen Krieg mit erlebt hat, überhaupt derart über den Krieg schreiben?“

    Soll man sogar. Gerade für die Glücklichen, die den Krieg nicht kennen. Gerade für uns Glückliche muss der Krieg mit all seiner hässlichen Grässlichkeit, seinem unglamourösen Elend, dem Blut, Schmerz und Gestank dargestellt werden.
    Ich liebe „Im Westen nichts Neues“, wo in einer Szene es inmitten der Schrecken des Ersten Weltkriegs darum geht, wer die guten Stiefel des todgeweihten Kameraden bekommen soll. Es ist so banal und lächerlich und vermutlich war es damals, als es erschien, skandalös. Aber realistisch. Auf die Art, die heiter ist und gleichzeitig wehtut.

    „Und gerade in einer Zeit, in der eine Generation so voller Unwissen über ihre Vergangenheit aufwächst und sich von Falschaussagen blenden lässt, kann man Krieg in der Literatur ruhig so darstellen, wie er ist.“

    Genau das.

    Ein Artikel, der sehr interessant ist. Und für mich die Erkenntnis brachte, dass das eine Romanprojekt, das ich auf Halde gelegt habe, Military Fantasy ist und ich das gefälligst irgendwann schreiben muss…

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