[Gastartikel] Atir Kerroum, „Sauron im Kreml – Fantasy in politischen Konflikten“

Im Rahmen unserer Blogreihe „Phantastische Realität“ hat mein Autorenkollege Atir Kerroum sich einige Gedanken um Politik und Phantastik gemacht. Nicht nur, dass phantastische Werke oft stark von politisch-moralischen Vorstellungen unserer Welt bestimmt ist: Atir sieht in der Art und Weise, wie politische Handlungen nach außen gerechtfertigt werden, große Ähnlichkeiten zu den Archetypen, mit denen Geschichten erzählt werden.

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Der dominierende Plot in der Popkultur ist der Kampf zwischen Gut und Böse.
Protagonist gegen Antagonist, Recht gegen Unrecht, Vernunft gegen Wahnsinn, Licht gegen Dunkelheit.
Die alten Sagen, Mythen und Epen erzählen von Menschen und Göttern. Es wird geliebt, gehasst, getötet und verraten. Aber dem Bösen begegnen wir erst in christlichen Heiligenlegenden. Christlich ist auch der Topos des sich selbst opfernden Helden. Indem dieser die Bombe manuell auslöst, tritt er in die Fußstapfen Jesu, der sich für unsere Sünden ans Kreuz nageln ließ.
Solche gesellschaftlichen „Werte“ zu propagieren bleibt nicht folgenlos. Der Kirchenvater Augustinus führt alles Gute auf Gott zurück und alles Böse auf heidnische Dämonen. Nicht an ihren Taten soll man sie erkennen, sondern an ihrem Glauben. Das Böse wird zur Fraktion, der man sich anschließt oder entgegen treten muss. Augustinus‘ Motiv begegnet uns in Star Wars wieder: Wer sich von der dunklen Seite der Macht verführen lässt, der ist verloren.
Die Legende vom Kampf gegen das Böse besticht durch ihre Einfachheit. Der Antagonist und sein Tun erklären sich allein aus seiner Gesinnung. Das Böse füllt jedes Plot Hole. Das Böse auszurotten ist ein moralischer Imperativ.
Über ein Jahrtausend führte die katholische Kirche einen Kreuzzug gegen das Böse. Alle anderen Religionen in Europa wurden ausgelöscht. Nur die Juden verweigerten die Taufe, was ihnen die Rolle finsterer Dauerbösewichte eintrug. Aber auch der Felsen Petri blieb nicht ewig die Zentrale des Guten. Die Reformation drehte den Spieß um und erklärte das Papsttum zum Antichristentum. Protestanten und Reformatoren reinigten Nordeuropa von der katholischen Kirche. Kollateralschäden nahm man in Kauf. „Gott wird die Seinen schon erkennen.“ Der Kampf gegen das Böse lohnte: Die reformierten Fürsten sanierten sich mit dem Vermögen der Kirche.

Auf die Glaubensspaltung folgte das Barock und die Legenden hatten Pause. Im Zeitalter der Vernunft regierte Realpolitik. Absolutistische Monarchen stritten in Kabinettskriegen um Macht und Prestige. Der Krieg war anerkanntes Mittel der Politik. Erwiesen sich die Ziele auf dem Schlachtfeld als nicht durchsetzbar, traf man sich am Verhandlungstisch. Noch der Wiener Kongress tanzte nicht zu moralischen Weisen und begrüßte den Kriegsverlierer Frankreich wieder im Konzert der Großmächte. Auf Tagesordnung stand die politische, nicht die moralische Ordnung Europas.

Das 20. Jahrhundert sah die Rückkehr des Bösen. Im Zeitalter der Millionenheere waren Kriege nur führbar, wenn ganze Völker mobilisiert wurden. Dazu brauchte es den moralischen Führungsanspruch. Dass auf Plünderer das Standgericht wartete, unterstrich diesen moralischen Führungsanspruch und ließ die Beute den Eliten übrig. Alleine für den Kampf gegen das Böse eilten die Menschen zu den Fahnen. Der aufgeputschte Volkszorn entfaltete seine eigene Dynamik. Wer könnte es ethisch verantworten, dem Bösen die Hand zum Frieden zu reichen? Der Krieg ernährt den Krieg auch ideell. Bis das Geld ausgeht. 1917 standen die Alliierten in Washington auf der Matte und erklärten, dass sie pleite seien, den Krieg nicht fortsetzen und ohne deutsche Reparationen ihre Schulden nicht begleichen könnten. Ungeschickterweise hatten die USA den Krieg finanziert und Milliarden von Dollar auf die Alliierten gesetzt. Nachdem sich Woodrow Wilson mit dem Slogan „He Kept Us Out Of The War“ die Wiederwahl gesichert hatte, begann der Bailout. Eine Werbekampagne („Make the world safe for democracy“) überzeugte die Amerikaner davon, dass böse „Hunnen“ auf der anderen Seite des Atlantiks die Menschenrechte und die Demokratie bedrohten. Rechtschaffene Amerikaner griffen zur Selbsthilfe und warfen den deutschstämmigen Nachbarn die Fenster ein, bevor sie sich zu den Waffen meldeten. Das Böse wurde mit heiligem Zorn bezwungen. Die Sieger machten in Versailles Kasse, die Investoren bekamen ihr Geld und Wilson den Friedensnobelpreis. Nur „safe for democracy“ war die Welt nicht. Auch das Kriegsverbrechertribunal musste ausfallen, weil sich der Kaiser in die Niederlande abgesetzt hatte.

In unseren Tagen haben derart grobe Methoden ausgedient. Zwar unterscheiden wir noch immer zwischen guten und bösen Staaten, doch ein Volk als böse zu dämonisieren, weil es einen Kaiser, einen Diktator oder einfach nur Ölquellen besitzt, erfüllt den Tatbestand gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und ist offen rassistisch. Also kehren wir zu Augustinus zurück. Das Böse ist keine ethnische Eigenschaft, sondern eine politische Gesinnung. Jeder trifft seine individuelle Wahl. Was zu der paradoxen Situation führt, dass wir Menschen in fremden Ländern bombardieren, aber klatschend am Bahnhof stehen, wenn sie als Flüchtlinge zu uns kommen. Zwiedenken nennt Orwell die Fähigkeit, sich zwei sich gegenseitig ausschließende Überzeugungen zu eigen zu machen. Verbindende Klammer ist der moralische Führungsanspruch.
Sich einem moralischen Imperativ zu widersetzen, ist feige und niederträchtig. Der Kampf gegen das Böse erschlägt jedes Argument. Und so dichten Spindoktoren Angriffskriege, Raubzüge, Wirtschaftssanktionen und Hungerblockaden in Legenden vom Kampf zwischen Gut und Böse um. Das offensichtlich Absurde überzeugt uns, weil es 08/15-Plotmuster und Archetypen der Popkultur übernimmt. Man erklärt uns die reale Welt so, wie wir sie aus Büchern, Filmen und Computerspielen kennen. Die Flaws und Logikbrüche in der politischen Phantastik fallen uns nicht auf, weil sie denen der Popkultur gleichen. PR-Profis versorgen uns mit dämonischen Antagonisten, denen Experten die Motive und Psychogramme von Filmschurken attestieren. Wir glauben, gegen das Böse zu kämpfen, während uns ein Zerrbild aus Charaktersterotypen und Versatzstücken aus Schreibratgebern vorgesetzt wird. Das Wording induziert die dunkle Bedrohung: „Regime“, „Machthaber“, „Autokrat“, „Diktator“. Im Kampf gegen das Böse offerieren uns die Medien Lösungsstrategien aus grellen Comic-Welten. Wir wissen schließlich: Wenn Batman den Joker ausknockt, ist Gotham wieder sicher. „Stoppt Putin jetzt!“, titelt der Spiegel, als sollte Iron Man im Kreml aufräumen. Der Superschurke muss aufgehalten werden, weil ihm alles zuzutrauen ist. Nur seine Atomwaffen einzusetzen, wird ihm nicht zugetraut. Zwiedenken nennt Orwell die Fähigkeit, sich zwei sich gegenseitig ausschließende Überzeugungen zu eigen zu machen.
Da die Lösungen nicht zum Problem passen, versagen sie so wie 1917. Die katholische Kirche konnte das Böse auch nicht ausrotten. Falls es ihr je darum gegangen sein sollte. Der Kampf gegen das Böse ist Propaganda im Meinungskrieg. Dagegen zeigt ein George R. R. Martin, dass es im Spiel der Throne keine moralinabhängigen weißen Ritter gibt und keinen Lord der Finsternis. Aber so lange uns Autoren mit eindimensionalen Vorlagen versorgen, werden die Meinungsvereinfacher sie dankbar übernehmen. Sie tun ihren Job. Sie präsentieren uns die Welt so, wie wir sie erwarten.
Es gibt viel zu tun.

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Eine Antwort auf [Gastartikel] Atir Kerroum, „Sauron im Kreml – Fantasy in politischen Konflikten“

  1. Vermutlich ist *unterschreib* ein sehr lahmer Kommentar, aber… ja, doch, das ergibt gerade sehr viel Sinn. Die Gedanken wären mir so bisher nicht gekommen, aber jetzt, wo ich es gelesen habe, werde ich im Leben darauf achten.
    Danke dafür.

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